Einige Tage sind vergangen, die Erde ist frei, geschäftig trägt der Wind die letzten Sickertropfen von den Äckern. Nur der Siebenbergschnee hat sich nach alter Gewohnheit der jungen Himmelskönigin noch nicht ganz ergeben; einige größere und kleinere Flächen schimmern noch von den Abhängen her, als im Bereiche des Hildesheimer Waldes schon die ersten Märzveilchen anzutreffen sind. Lächelnd sieht die erhabene Siegerin über die kleinen Flicken des überwundenen Königs hinweg.

Auch in die Menschenherzen ist der Frühling eingezogen, und Groll und Gram, Verstimmung und Erbitterung, Sorge und Not lösen sich auf wie die letzten Reste des Schnees unter den Strahlen der Sonne.

Die sich mieden, nähern sich wieder, und wer etwas zu vergeben hat, vergibt, ehe denn noch der andere ihn darum bittet. Was geschehen ist, das ist geschehen. Das Tor des Frühlings ist aufgetan, ein neues Leben und Lieben soll beginnen. Wer es nur ehrlich meint, findet schon Zeit und Gelegenheit, alte Schuld zu sühnen und wie im Baumhof draußen, so auch im Gärtlein da drinnen unter dem Brusttuche die schlechten Gewächse auszurotten und durch gute zu ersetzen. Helf Gott! —

Als die Apfelbäume wieder ausschlugen und in den Höfen gegraben und gehackt wurde, änderte sich das Verhältnis zwischen dieser und jener Seite der Despe schier über Nacht. Marten erhielt, ohne daß er über das Bächlein schreiten mußte, von Sophie freundliche Antworten aus dem Baumhofe, und Meister Drewes stand in der Schummerstunde öfter und öfter hinter der Haselhecke, die Augen auf die Despe gerichtet, als suche er die Stelle, wo die kleine Brücke jetzt sein würde, wenn der schöne Traum nicht so jählings zerrissen worden wäre. —

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Auf dem Friedhofe lag silberglänzender Mondenschein und erdgrauer Schatten, jener in unregelmäßigen, vielfach zerrissenen und zerstückten Flächen, dieser in den scharf ausgeprägten Formen von Kreuzen und Hügeln, Ringen und Pfeilern, Stämmen und Zweigen.

Der Wind hatte, gleich der Drossel im Busch, den Kopf zwischen die Flügel gesteckt, und unter dem wolkenlosen, strahlenden Sternenhimmel lagen Licht und Schatten, obgleich von Natur wider einander, in regungslos friedlichem Verein, wie sie alle da unter den grünen Hügeln, die Viertelhufner, die Halb- und Vollhufner, die Kotsassen und Häuslinge, die Tagelöhner und Knechte, mit ihren Frauen, Mägden und Kindern.

Der Nachtwächter, der mit gebeugtem Rücken und einem kurzen Fuße — es war der Swän Oppermann — am Kirchhofe vorüberstapfte, blies dreimal ins Horn, rief: „Die Glocke hat zwölf geschlagen — zwölf ist die Glock’!“ und sang mit eintöniger Stimme die althergebrachten Reime von den zwölf Jüngern des Herrn.

Als Oppermann hinter dem nächsten Gehöfte verschwunden war, lösten sich aus dem Schatten der Kirchhofsmauer zwei Gestalten. Die Pforte knarrte, und Meister Drewes, an der Hand seine Tochter, trat sachten Schrittes auf den hügelreichen Gottesacker.

In langen und kurzen Reihen, in großen und kleinen, hohen und eingefallenen Hügeln lagen sie da rund um die Kirche her, an der das Mondenlicht leise hinunterglitt, — die Bauern mit ihren Angehörigen für sich auf der Sommerseite, die Häuslinge, Tagelöhner, Knechte und Mägde mit ihren Angehörigen auf der Winterseite.