Mochte auch die Bedeutung der Standesunterschiede im Dorfe nicht gar so groß sein, so gebot doch die Sitte ein ordnungsmäßiges Auseinanderhalten der Schranken, wie im Leben, so auch im Tode. Der Tod war für die Woldhäuser noch nicht der Allerweltsgleichmacher, eben weil er für sie nicht Tod, sondern Fortleben bedeutete.
In dieser Nacht aber lag der größere Teil des Lichts auf der Winterseite und der größere Teil des Schattens über den Bauerngräbern, denn das Licht fragte ebensowenig wie der Schatten, welches Standes die waren, die unter diesen Gräbern schliefen.
Die beiden Lebenden gingen, von ihren Schatten begleitet, ein paar Schritte auf dem Kirchhofspfade hin und bogen rechts bei den Bauerngräbern, wo der breite, wilde Hagedorn stand, vom Wege ab.
Ein zarter Veilchenduft stieg wie ein Atemholen aus dem jungen Hügelgrase auf.
Sophie empfand den feinen Duft in dem Schauer der Nacht wie einen heimlich freundlichen Trost, während der Vater kaum darauf achtete.
Licht und Schatten über den Toten! — Licht und Schatten über den Lebenden! —
Drewes dachte, während er seiner Tochter voran mit hochgehobenen Beinen über die Gräber hinweg schritt, an den einen und an den andern. Er hatte sie ja alle gekannt, als sie noch in den Stürmen des Lebens standen, als noch Licht und Schatten in ihre offenen Augen fielen. Allerlei Stimmen zogen vor seinem Ohre hin, helle und grobe, lustige und zornige, bittende und drohende, betende und fluchende. Wie Licht und Schatten von einander abhängig, an einander gebunden, hatten sie miteinander gelebt, in Lieben und Hassen, in Dulden und Widerstreiten, in Empfangen und Entsagen, in Hoffen und Verzweifeln, in Jauchzen und in Stöhnen, — bis jählings die Nacht hereinbrach und sie so still, so still wurden wie dieses Mondlicht und dieser Kreuzesschatten. — — —
Sie waren an eine noch unvollendete Reihe gekommen und blieben vor einem noch fast unbewachsenen, aber bereits halb eingefallenen Grabe stehen.
„’s hat nicht lange Stand gehalten, das kleine Bretterhaus,“ murmelte Drewes. Er trat an das Kopfende des Grabes, nahm die Mütze ab und betete mit leiser, dumpfer Stimme das Vaterunser.
Sophie, eng an den Vater gedrückt, hielt die Hände fest ineinander geschlungen und betete aus tiefster Seele mit, vermochte aber, im Grausen fast erstarrend, die aufeinandergepreßten Lippen nicht zu rühren.