„Amen!“ sagte Drewes und sah um sich und über sich. Bei der Kirchentür glaubte er eine dunkle Gestalt wahrzunehmen, und es drängte sich ihm das alte Sagenwort in den Sinn: „Von twölwen bet einen sind alle Geister te Beinen.“ Er faßte die regungslose Tochter fest bei der Hand, erkannte aber bald, daß es nur der Schattenwurf des alten runden Grabsteines war, der eine Urne trug.

Der Mond sah ruhig auf den Kirchhof herab, der Sterne Heer schimmerte aus der Unendlichkeit, und in Silberstrahlen flutete das Licht durch die Nacht um die alten Kirchturmsmauern. Kein Laut regte sich, kein Schatten bewegte sich.

Vater Drewes beugte sich zum andernmale über das Grab und betete ein zweites Vaterunser. — Und wieder sah er um sich und über sich. Nicht ein Hauch war zu verspüren, nur der eigene Atem zu vernehmen. Der Bergwald, zu dem die Blicke schweiften, war wie ein Sarg, auf dem die ruhig brennenden Lichter stehen — regungslos, ohne Atem.

Da neigte sich Drewes zum drittenmale und rief mit leiser, tiefer Stimme: „Henderk, ich stehe mit meiner Tochter hier an deinem Grabe, wie wir an deinem Sterbebette standen. Siehst du uns, wie Gott hoch über den Sternen uns sieht, so sag’ uns an: Ist Steffen, dein Sohn, bei den Toten oder ist er noch unter den Lebenden? — Die Frauen, die an jenem frühen Ostermorgen zum Grabe des Heilandes gingen, gingen mit der großen Sorge: Wer wälzet uns den Stein von des Grabes Tür? Mit solch einer Sorge stehen wir auch an deinem Grabe. Eine große Schuld liegt zwischen uns. Du weißt es wohl, und ich muß fragen: wer wälzet sie ab von uns? Henderk Oelkers, der du durch das Grab in den Himmel gingest, siehst du uns, wie Gott über den Sternen uns sieht und kannste meine Tochter um deines zweiten Sohnes willen von ihrem Versprechen entbinden, die Schuld unserer Kinder vergeben, wie wir auch unsern Schuldigern vergeben, so gib uns nach unserm dritten Vaterunser ein Zeichen, sei’s hoch am Himmel, oder sei’s unten auf der Erde.“ Und er betete das heilige Vaterunser zum drittenmale — langsam und feierlich.

Grabesstille war nach wie vor, aber als die Betenden nun über sich sahen, schoß ein glänzender Strahl vom Himmel — mitten zwischen dem Oelkerschen und dem Drewesschen Gehöfte — herab.

„Vater!“ flüsterte das Mädchen.

„Komm, Kind!“ — sagte Drewes — und Sophie ging rasch voran vom Kirchhofe hinweg.

Bei den fünf Eichen blieb Drewes aufatmend stehen, sah über sein Gehöft hin und murmelte zufrieden: „Der Stern muß dorthin gefallen sein, wo der Steg sein soll.“

„Ja, Vater, ich glaub’s,“ flüsterte sie und tat einen Atemzug, der wie ein tiefes Aufschluchzen war.

Sie gingen leise auf dem grasigen Wegrain weiter. Plötzlich blieb das Mädchen wieder stehen, sah nach dem wüsten Hofe, der sich so scharf von dem Silber der Nacht abhob und sagte: „Ich meine, Vater, wir müßten den Stern finden, wenn wir ihn suchten, so deutlich habe ich ihn fallen sehen.“