„Komm denn man lieber ’n bißchen ’rein, Hanorg, und trink ’n Schluck und iß ’n Häppchen!“ nötigte Drewes.
„Das ist’n Ding, das läßt sich tun,“ sagte Oppermann und schob sich das Horn auf den Rücken. „’s wär ja auch noch ein gutes Viertelstündchen hin, bis er ’s zweite Geistersignal zu geben hätte,“ meinte er und hinkte zwischen Vater und Tochter hinein.
Als er den ersten Schluck getan hatte, nahm er zuerst Sophies Frage wieder auf. „Ob das wirklich wahr ist? Laß dir ’mal vom alten Dehne erzählen, wie es einem Schäfer, der an den Siebenbergen hütete, ergangen ist! Der hatte in einer Nacht nicht schlafen können, sich daher ’ne Pfeife angesteckt und vor die Hütte gesetzt, die neben der Hürde stand. —
Ruuusch, — ruuusch — — — krah — krah — krah geht’s da auf einmal in der Luft, und als er aufsieht, kommt etwas Grausiges von den Siebenbergen hergeflogen, näher und näher und immer niedriger, immer niedriger, und die eisernen Flügel schlagen, daß es nur so siehst und saust. Der Schäfer hatte gerade noch so viel Zeit, daß er sieben Hürden über sich werfen konnte. Krach — bums — kraatsch—sch—sch — — — und eine Hürde nach der andern zersplittert unter den Flügelschlägen wie ’n Kinderspielzeug. Die siebente aber, unter der unser Schäfer in Todesängsten lag, widerstand und blieb heil, denn sie war von Kreuzdornholz gemacht, und das war dem Schäfer sein Glück, sonst wäre er hin gewesen.“
Sophie stand erst ganz still und mit großen, glänzenden Augen da, machte dann aber eine resolute Bewegung, als schüttele sie etwas ab und ging eilends vor den Brotschrank.
„Ich glaube gar nicht, daß der Nachtrabe ein wirklicher Rabe ist, daß er überhaupt ein Körper ist und eiserne Flügel hat,“ sagte sie und setzte Brot und Wurst auf den Tisch. Sie sann und meinte: „Ich glaube, der Nachtrabe ist die Schuld, die den Menschen verfolgt. Liegt einem was auf ’m Gewissen, sieht er leicht Nachtraben. Der Schäfer wird wohl kein gutes Gewissen gehabt haben.“ —
Die Männer sahen das Mädchen an und dachten ihren Worten sichtlich verwundert nach.
„Ich meine,“ fing sie wieder an, „wer ein gutes Gewissen hat, dem kann der Nachtrabe nichts anhaben, der steht in Gottes Schutz.“ Und als wollte sie ihre Meinung dadurch bekräftigen, schob sie die Blumentöpfe auseinander und das Fenster ein wenig auf, sodaß ein frischer Hauch in die schwüle Stube strömte.
„Aber wo ist ein Mensch, der ein so gutes Gewissen hätte, daß er’s ruhig auf alle Geheimnisse der Nacht ankommen lassen möchte?“ sagte Oppermann und trank und nahm ein Bröckchen Brot. „Wenn du zusiehst, kannst du an jeder Blume einen Fehler finden. Kein Himmel ist ohne Wolken, und kein Mensch ist so rein und frei, daß er nicht den Kreuzdorn brauchte.“
„Das ist wahr,“ sagte Drewes bedachtsam und nickte und schnitt und nötigte und schob Oppermann die Wurst hin, da er sich noch immer mit einem Bröckchen Brot begnügte.