Vom Felde her tönte jetzt eine seltsame, fast kreischende Vogelstimme.

Oppermann horchte auf.

„Das ist ’n Rebhuhn,“ sagte das Mädchen.

Oppermann machte ein bedächtiges Gesicht. „Wer weiß! des Nachts traue ich keiner Vogelstimme. Das triliert wie ’ne Lerche, wispert wie ’n Hänfling, schreit wie ’n Huhn, krächzt wie ’n Rabe und ist doch am Ende kein andrer als der Vogel Unrecht.“

Sophie lachte, sah aber dem Alten doch forschend ins Gesicht, der das Glas wieder hinsetzte und erzählte:

„Da ist auch mal einer gewesen, der nicht recht getan, es aber gut zu verheimlichen gewußt hatte. Und das Unrecht quälte ihn so, daß er in der Verzweiflung hinging und sich erhängte. Aber als ihn einer abschnitt, flog er als ein kleiner schwarzer Vogel davon und schrie immerfort: „Unrecht! Unrecht!“ Und da er keinen Zweig finden kann, so fliegt er noch immerfort, und wer um Mitternacht über den Roten Berg oder über die Siebenberge kommt, kann sich darauf gefaßt machen, daß er ihn hört. Da ist denn der Großvater vom Schuster Eilers mal in der Nacht von Alfeld hergekommen, und als er schon lange über Sack ’rüber ist, schreits auf einmal: „Unrecht! Unrecht!“ — daß ihm die Haare zu Berge stehen. Und mit einem Male setzt sich ihm ein schwarzes kleines Vögelchen auf die Schulter, das wird immer größer, immer größer und immer schwerer, immer schwerer, bis es der alte Eilers nicht mehr tragen kann und unter der Last zusammenbricht.“ — — —

Die Uhr hob aus und schlug eins. Darum trank Oppermann schnell sein Glas leer, zog sein Horn herum und huppelte, ein Bröckchen Brot noch in der Hand, geschwind hinaus.

„Nun geh zu Bett, Kind,“ sagte Drewes, „ich denke, es wird alles gut sein. Vergiß ’s Beten nicht, Kind, daß der liebe Gott uns vergibt, was wir Unrechtes getan haben.“

Sophie konnte von ihrem Kammerfenster nach dem wüsten Hofe hinüber sehen. Und sie stand noch lange am Fenster. Wie er so still und sternenumrankt da lag! Und ganz mutterseelenallein schläft er darin. Ach Gott, wie sie froh war über den Stern! Sie fühlte es heißer und tiefer denn je: Nirgends anders in der Welt war ihr Platz, ihr Morgen und ihr Abend; nur unter jenem Dache wollte sie sein und bleiben, — oder da drüben, wo die Kreuze ragten.

Sie hatte schon die Hand an den Fensterschieber gelegt, zuckte aber scheu zurück. Nicht den Nachtraben mit den großen eisernen Flügeln fürchtete sie, obgleich das grausige Bild ihre Seele nicht unberührt gelassen hatte; aber das kleine schwarze Vögelchen kam ihr eigentümlich stark vor die Sinne, so daß sie es auf einmal ganz deutlich zwischen den Bäumen hin- und herfliegen sah. Wie sie auch ihre Vernunft anspannte und ihre Augen ablenkte, sie sah es immer näher heran fliegen und immer größer werden. Ja, als wäre es schon durch die geschlossenen Fenster hereingekommen, fühlte sie nun auch seine übergewaltige Schwere und Wucht. Nicht auf ihrer Schulter saß es, sondern auf ihrer Brust, daß sie kaum noch atmen konnte. Und wie es schrie: „Unrecht! Unrecht!“ Und wie es schrie: „Steffen! Steffen!“