Der Kranke stieß einen schluchzenden Laut aus. „Gott im Himmel soll dir’s lohnen, Naber. Ha, das ist ein Zauberwort für’n verwünschten Bauersmann! Aber ich komme mir vor wie Moses auf dem großen Berge: Ich sehe das gelobte Land von ferne, doch hinein komme ich nicht mehr.“
Drewes warf den Kopf zurück. „He, warum denn nicht? Ich werde dich schon reinbringen, Henderk. Und der liebe Gott wird schon nichts dagegen haben. Moses war ’n alter jüdischer Racker und hatte gesündigt, aber was hast denn du Böses getan, Henderk, daß du nicht hineinkommen solltest? Doch nun laß uns mal weiter reden,“ sagte Meister Drewes mit Bedacht und stülpte den Pfeifenkopf um, „wie denkste denn aber deinen Zweiten abzufinden?“
„Och Gott, ich denke, der bleibt auf’m Hofe und verdient, was er braucht.“
„Na ja, aber wie ich deinen Marten kenne, wird er sich auf die Dauer mal nicht damit begnügen, seines Bruders Bruder zu sein; er wird sagen: Bruders Bruder heißt Bruders Knecht und wird nach etwas anderem trachten. Ihm steckt etwas im Kopf, der geht mal nach Hilmesse oder Hannover, wird Kutscher oder so was. Sollst sehen, der bringt’s mal weiter.“
„Den Kopf hat er ja dazu, der Junge. No, und will er dann mal durchaus hinaus in die Welt, no, so soll ihm der Älteste achtzig Taler raus geben, habe ich gedacht.“
Drewes fand das „recht und billig“, nickte und schloß: „So hätten wir nun das Wichtigste besprochen, und denn laß Steffen morgen man gleich ’rüberkommen.“
Da strich ein scharfer Windhauch in die Stube, und ihm nach kam Steffen, in der einen Hand einen schwarzrindigen Knust Brot, in der andern den „Kraus“, einen irdenen Deckelkrug, die Tür mit Ellbogen und Knie aufstoßend. Auf seinem Gesichte lag ein freudiger Glanz, in den derben Zügen zitterte eine leise Erregung. Er legte das Brot auf den Tisch, reichte Meister Drewes den Krug und sagte, indem er die Hand übers Knie wischte: „Gesundheit, Meister Drewes!“
Der Meister dankte, nahm den Krug und setzte ihn ohne weiteres an.
„Hoffentlich schmeckt’s Euch noch, denn es ist schon ’n bißchen lange her, daß wir gebraut haben,“ sagte Steffen und strich sich die fahlen Haare, die etwas straff über die knorrige Stirn niederhingen, mehrmals vergeblich zurück.
„’s ist das erste und einzige, was wir nach Mutters Tode gebraut haben,“ fügte der alte Oelkers wehmütig hinzu.