Als sie dann an Vater Oelkers Bette stand, hatte sie einen ganz roten Kopf, und als sie ihre Hände über den Kranken ausstreckte und den Spruch dazu flüsterte, zitterte sie trotz ihrer nervigen Festigkeit am ganzen Leibe.
Vater Oelkers sah sie dankbar an, und als sie zu Ende war, fiel er in einen erquickenden Schlaf.
Sophie durfte daraus schließen, daß ihre Baute ihm gut getan hatte; sie freute sich darüber, wünschte aber doch, daß Steffen oder Marten den Spruch sogleich von ihr lerne. Da Marten sich mit den Pferden im Felde befand, fragte sie Steffen, ob er es lernen wolle.
„Ja, Fieke, wenn du’s willst, so will ich’s auch,“ erwiderte er. Nun gingen sie leise hinaus und setzten sich auf die Küchentreppe, Fieke auf die unterste Stufe, Steffen zwei Bretter höher.
Sein Eifer zu lernen war groß, und nicht minder groß war ihre Unermüdlichkeit und Geduld, die sie bei dem seltsamen Unterrichte an den Tag legte. Aber als der Unterricht schon eine volle Stunde gedauert hatte, wußte Steffen nur erst die beiden Worte „Spinnemus“ und „Winnemus“ auswendig.
Sophie trat unwillkürlich mit dem Fuße auf und wollte eben von vorn anfangen, als Marten herein kam, beide mit scharfem Blick ansah, das Mädchen kühl grüßte und Steffen fragte, ob er Sperlinge gefangen hätte. Er dächte wohl nicht daran, daß sie bis Martini sechzig Sperlinge an den Hofherrn zu liefern und noch mehr als die Hälfte zu fangen hätten, und daß sie für jeden Sperling, der an dem Schock fehle, vier Pfennige zahlen müßten.
„No, störge[24] man nicht so, Marten, der Vater schläft,“ erwiderte Steffen unwillig und doch wie erleichtert. Er stand auf, trocknete sich den Schweiß von der Stirn, denn der Unterricht hatte ihm den Kopf sehr heiß gemacht, und sagte: „Ich will dreimal lieber Sperlinge fangen, als so ’n ... so ’n ...“ er verschluckte einiges und endigte: „so ’n gewitterschen Vers lernen.“
In Sophies Gesicht zuckte etwas Schelmisches und Lustiges, sie zwang es aber nieder und fragte Marten, indem sie halb an ihm vorbei sah, ob nicht lieber er den Bautespruch von ihr lernen wolle? Denn Steffen kriege ihn aller Wahrscheinlichkeit so leicht nicht in den Kopf.
In Martens Gesichte wurde es wieder heller. „Wenn du es gern willst, Fieke, und nicht schlägst, so will ich sehen, ob ich die Luke an meinem Dache aufkriegen kann,“ sagte er und setzte sich an die Stelle seines Bruders, der ihm gern Platz machte und sichtlich froh war, daß er draußen Sperlinge fangen konnte.
Mit großer Energie hörte Marten nun dem Mädchen zu; mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, als hätte er von ihr aufgereichte Korngarben auf dem Wagen oder im Scheunenfach zurecht zu legen, prägte er sich die Worte in ihrer Aufeinanderfolge ein, legte er wie im Garbenfache eine Reihe zu der andern.