Die Sperlinge waren aber wohl doch nicht zu dem „Herrn der Bauern“ geflogen; denn am andern Tage kam die Mahnung von Bodenburg, daß Martini bald vor der Tür stände und noch dreiunddreißig Sperlingsköpfe einzuliefern seien. —
Siebentes Kapitel.
„Nun kommt wieder die lange, rabenschwarze Nacht,“ seufzte Vater Oelkers, wenn in der Dämmerung die Betglocke geläutet hatte. Denn es kam kein Schlaf mehr in seine Augen, und das Bäuten, das Marten und Sophie noch abwechselnd taten, schlug nicht an, es hatte nur einen trügerischen Schein geweckt. „Die Argen und die Zwargen hören auf die Lutherischen nicht,“ sagte der Leidende einmal mit peinvollem Lächeln zu Meister Drewes, der aber die Hoffnung noch lange nicht aufgeben wollte. „Du glaubst nur nicht fest genug daran, Naber,“ mahnte er, und Oelkers schüttelte den Kopf. Es war nichts mehr mit seinem Glauben, und er hatte sich völlig aufgegeben. „Der Glaube hilft nur den Gesunden,“ sagte er. Kam Sophie aber an sein Bett, so versicherte er ihr selbst unter den größten Qualen, wie gut ihre Baute ihm täte und wie dankbar er ihr sei, daß sie ihm so viel geholfen hätte; denn sonst wäre er gewiß schon vor zwei Wochen gestorben.
Wieder war eine qualvolle Nacht vergangen, und als Marten, der an diesem Tage in Bodenburg Spanndienste zu verrichten hatte, in noch dunkler Frühe ans Bett trat, sagte der Vater mit schwerem Ächzen: „Sorge, daß du zeitig zurückkommst, Junge. Ich fühle, heute ist mein letzter Tag.“
„Es wird noch so schlimm nicht sein, Vater,“ erwiderte der Zweite in beruhigendem Tone, „ich werde es aber ’m Herrn sagen, daß er mich früher ziehen läßt.“
Als der Jüngste mit den beiden etwas müde gehenden Gäulen vom Hofe zog, rief Oelkers seinen Ältesten zu sich und sprach mit ihm, so gut es sein Zustand erlaubte, von alledem, was nun werden sollte. „Du bist der Älteste und stehst vorn und mußt der Stab sein, an dem unsere Familie weiter geht. Denke nur daran, daß Gott dir hilft, und denke daran, daß du wohl morgen schon zu unserm irdischen Herrn gehen mußt. In der Eichenlade auf der Bodenkammer liegt das Geld für den Meierzins, es sind erst 15 Taler und 14 Mariengroschen. Es ist noch nicht alles bei’nander, denn der Hofzins in bar macht 25 Taler und 4 Mgr., wie du weißt, und dazu kommt noch der Rottlandszins mit drei Talern und 24 Mgr. Und dann mußte für ’n neuen Meierbrief auch ’n Stempel bezahlen. Die Ernte ist, Gott sei’s geklagt wieder schlecht ausgefallen, weil wir wegen der Spanndienste wieder nicht rechtzeitig einfahren konnten und ’s Beste wie immer verregnen lassen mußten. — Von der guten Frucht kannste kaum noch was abstehen, willst du nicht mit ’m Zinskorn ins Gedränge kommen, oder hernach um vieles teurer wieder kaufen. Dann das Begräbnis, das kostet auch wieder was. Laß nur ja keinen teuren Sarg für mich machen, hörste? ’n paar schlichte Tannenbretter, die genügen. Mehr als ’n Taler braucht er nicht zu kosten, der Sarg, hörste, Junge? Und das gute Zeug sollt ihr mir nicht anziehn: En Hemd un en Dauk is in ’n Grawe enaug.[25] Es ist ganz einerlei, wie man in der Erde liegt. Es ist nur, daß man hinkommt auf ’n Kirchhof. Und die Begräbnisfeier sollt ihr auch nur ganz einfach machen, Junge. Vier weiße Kuchen, das wird hinreichen. Und das mußte alles mit Drewes besprechen, hörste, Junge? Was sie denn sagen, so mach’s nur, denn sie sind für dich wie für sich. Kommt dann der Martinitag, und es fehlt dir noch, so sprich mit deinem Bruder, daß er dir für ’ne Zeit was vorstreckt. Der hat sich doch bei den Stadtfuhren was erspart und wird gut seine fünfundzwanzig Taler und mehr für sich haben. Oder du sprichst mit Drewes Vetter. Willst du aber beides nicht, und es ist ja aus guten Gründen besser, brauchst du im Anfange weder deinem Bruder noch deinem Schwiegervater zu kommen — dann mußte lieber sehen, daß du eins von den beiden Läufern[26] gut verkaufen kannst, Junge. ’s wäre ja schade, denn sie kommen nun erst ins Wachstum; aber du mußt dann eben sehen, Junge.“
Steffen stand halb abgewandt am Fußende des Bettes und schluchzte.
Der Alte winkte ihn näher zu sich, atmete heftig, würgte den Schmerz und ächzte: „Du weißt, daß der Herr außer dem Baren noch zu fordern hat: 25 Himten gutes, marktgängiges Korn, ein Schwein und ein Schaf, beide von ihm selbst ausgesucht, drei Schock Eier zu Ostern und zu Pfingsten, und zehn Hahneken oder Hinneken, die aus ’m Scheffel springen können. Und dann müßt ihr sehen, daß ihr die 33 Sperlinge noch kriegt.“ Er erholte sich einige Atemzüge lang und fuhr fort: „Die ersten zehn Himten, weißt du, will der Herr immer pünktlich mit dem Martinizins gebracht haben, den Rest bis Fastnacht, wie du weißt. Nun höre aber, Junge: Nimm das erstemal kein Hinterkorn in die Mitte; später, d. h. wenn du den Hof schon ’n Jahrer zwei hast, kannste ja immer gut ’n halben Scheffel Drespen und Raden mit untermengen, denn man muß sich zu helfen wissen; aber beim Antritt und eh’ du ’n neuen Meierbrief in der Hand hast, mußte nur vom Allerbesten nehmen. Lieber Schaden als Schimpf, denn der Herr könnte imstande sein und sich beim ersten Male jedes Korn einzeln vorschütten lassen, dann hättest du bei ihm gleich schöne in’n Tran getreten. Er ist gar nicht so unrecht, unser Herr und kann auch kein Unrecht leiden. Also höre, Junge, und denke: Ehrlich währt am längsten.“
Steffen schluchzte und nickte.