Marten, dem ihre Erregung nicht entgangen war, sah sie herausfordernd an. Die Blicke begegneten sich über Steffen, senkten sich ineinander; es sprühte, es leuchtete — und Marten ging mit hellem Pfeifen davon.
Ein großer Rabe kam mit schwerem Flügelschlage über das Haus hergeflogen, setzte sich in den Wipfel des Walnußbaumes, zwischen dessen vergilbten Blättern nur noch wenige Nüsse hingen, stieß einzelne tieftönige, schaurige Rufe aus und flog in seinem schweren Fluge wieder über das Haus zurück. Zu gleicher Zeit strich ein heftig krächzender Rabe von den Ulmen am Bache her und kreuzte den Flug des ersten Raben über dem Hofe.
Die schwarzen Gesellen flogen noch lange lärmend über dem Dorfe her und hin, und manchmal hörte sich’s an, als schrieen sie um die Wette: „Ein Kreuz! Kreuz! Kreuz!“
Neuntes Kapitel.
Steffens Gedankenraum war sehr klein, und die Gedankendinge konnten hier nicht nebeneinander, sondern nur nacheinander Platz finden. Da nun Martini immer näher rückte und seine Gedanken fort und fort mit dem Meierzins zu tun hatten, mußte Sophie immer mehr in den Winkel gedrängt werden, bis zuletzt gar kein Platz mehr für sie blieb.
Marten aber guckte mit blitzenden Augen in die Welt und sorgte dafür, daß Sophie unter dieser Zurücksetzung nicht zu leiden hatte. Sein bisher so trotziges Verhalten gegen sie schlug plötzlich um: er war lustig, lachte sie an und ging ihr, wenn sie zu der verabredeten Dienstleistung herüber kam, eifrig zur Hand.
Die Despe schwoll und rauschte, als hätte sie etwas besonderes zu sagen, vielleicht gar zu mahnen — und Sophie richtete es bald immer mehr so ein, daß sie gerade zu der Zeit auf den wüsten Hof kam, wenn sie Marten zu Hause wußte.
Der geschwollene Bach riß ein Stück vom Ufer mit sich fort und murmelte, daß man es deutlich auf dem wüsten Hofe vernehmen konnte. Steffen hatte kein Arg daraus; er grübelte und rechnete, wie er den Meierzins auf den Tag zusammenbringen sollte. Mindestens dreimal am Tage lief er auf die Bodenkammer, um den Beutel mit dem Gelde aus der alten Eichentruhe zu ziehen und den Inhalt zu überzählen.
Das Begräbnis des Vaters hatte einen guten Teil der Barschaft verschlungen, der Sarg nicht einen, sondern drei Taler gekostet, weil Marten es so wollte. Es waren auch nicht vier, sondern sieben Kuchen gebacken, weil Marten es so wollte. Dann die Kosten für den Leichenschmaus, den Branntwein und für so manches andere! Ja, er hatte gehörig in die Beilade hineingreifen müssen, ganz gehörig, um nur seinen Bruder zufrieden zu stellen. Manches hätte gewiß erspart werden können, doch Marten hatte beharrlich gesagt: „Unserm Vater soll die Ehre angetan werden, die ihm zukommt!“ —