Rasch hatte sie die Arme aus den Strippen. Ihre etwas verschwärten Augen funkelten. „Das hat dir der liebe Gott eingegeben,“ meinte sie, indem sie das Fläschchen hinnahm. „Denn grade, wie ich so dalag, dachte ich: Wenn dir nur jemand ’n kleinen Schluck brächte.“ Mit langen, röhrenartig zusammengepreßten Lippen tat sie einen ordentlichen Zug.
„Trink’n nur aus, Annekathrine,“ nötigte er.
Nicht zweimal ließ sie sich das sagen.
„Ja, wenn man so ’n Alraun im Hause hätte, wie manche Leute, dann brauchte man sich so nicht zu plagen,“ sagte und seufzte Annekathrine, indem sie mit knackenden Knochen mühsam aufstand und Steffen den leeren Buddel zurück gab.
Steffen horchte freudig auf. Grade so hatte ja der Vater in der Geplagtheit gesagt. Es bedurfte also keiner besonderen Einleitung mehr, um von ihr näheres zu erfahren, ohne daß sie den Grund seiner Frage merkte.
„Da war mal,“ begann sie schon ganz von selbst zu erzählen, „da war mal in Hildesheim eine Frau, die hatte einen Alraun, den ließ sie ’n Jahr lang in ihrer Lade liegen, da guckte sie nach, und da hatte er ’n Hecketaler bei sich. Den konnte sie nun nehmen und sie nahm ihn auch und bezahlte alles, was sie kaufte, mit dem Hecketaler. Wenn sie aber nach Hause kam, war der Hecketaler auch schon wieder da. Das ging denn auch ’ne ganze Zeit gut; kein Mensch merkte, daß der Taler wieder mit ihr wegging. Sie aß den schönsten Kuchen, den fettesten Braten, trank den süßesten Wein, den stärksten Kaffee, konnte beim wärmsten Ofen sitzen und wurde kugelrund. Kein Mensch merkte was. Aber einem Schlächter kam es doch mit der Zeit kurios vor, denn er wollte reich werden und merkte, daß er immer ärmer wurde, wenn diese Frau bei ihm eingekauft hatte. Sollst doch mal ordentlich aufpassen, nahm er sich vor. Und als die Frau wieder mal so ’n schönen Happen kaufte und wieder mit dem schönen blanken Taler bezahlte, dachte er sich gleich, es müsse wohl etwas mit dem Taler sein. Aber er ließ sich nichts aus, gab der runden Frau auf den Taler heraus, legte ihn in den Kasten und paßte mit beiden Augen auf. Und siehe dich da! Kaum ist die Frau zur Ladentür ’raus, wird auch der Taler im Kasten unruhig und will sich wieder auf die Reise machen. Aber mein Schlächter nicht faul, packt dich den Taler mit seiner dicken Faust, hält ihn mit seiner ganzen Schlächterkraft fest umklammert, holt geschwind ’n Klopfhammer und nagelt dich den Taler auf den Hackeklotz ...“
„Och, den Düwel!“ rief Steffen und schabte sich das Hosenbein, als wäre da der Nagel durchgegangen.
... „nagelt dich den Taler auf den Hackeklotz,“ wiederholte Annekathrine nochmals mit tönender Baßstimme, worauf sie fortfuhr: „Da wurde dich dann aber der Hackeklotz auf einmal rattentoll, hüpfte und sprang, daß es ganz schrecklich anzusehen und anzuhören war, und als jemand die Tür aufmacht, was meinst du, da nimmt sich der Klotz auf und tanzt holtedipolter hinter seiner lieben Frau her. Da war’s denn am Tage, und da mußte sie zur Strafe all ihr Hab und Gut hergeben und den Alraun mit dem Hecketaler natürlich auch. Sie behielt kein Hemd auf’m Leibe und mußte nun Holz tragen und hungern und dursten wie unsereiner auch.“
Steffen schabte sich und kratzte sich. Das wäre doch nicht das Rechte, meinte er, so ’n Alraun nähme er nicht geschenkt, so gut er auch den Hecketaler gebrauchen könne. „Ehrlich währt am längsten, hat mein Vater gesagt, als er auf ’m Sterbebette lag.“
„Nicht immer,“ bemerkte Annekathrine kurz und lächelte etwas eigen dabei. Dann lehnte sie sich gegen ihre Tracht und knüpfte das Traglaken auf. „Wenn ich nur wüßte, wie man so ’n Alraun kriegt,“ murmelte sie noch vor sich hin. Steffens Gedanken waren aber schon bei dem Goldschatze im Rotenkampe, und nachdem er eine Weile vergeblich gewartet hatte, ob sie vielleicht von selbst davon anfangen würde, sagte er: „Es soll ja auch noch immer ’n großer Goldschatz im Rotenkampe vergraben liegen.“