Annekathrine zuckte die Achseln und begann von dem Holze zu knappen. „Der soll noch vom großen Kriege da liegen; aber er wird wohl schon ganz tief, tief in der Erde stecken,“ meinte sie und erklärte dies damit, daß vergrabenes Gold alle sieben Jahre einen Zoll tiefer rutsche.

In Steffens Gesicht kam etwas Begieriges. So tief läge es doch wohl nicht, daß man’s nicht mit einer guten Schute und Hacke in einer Nacht bloß graben könne, meinte er und sah sie forschend an.

Die Alte legte die kurz geknappten Reisigstücke neben sich und sagte: „So leicht ist denn das man doch nicht, Junge. Sonst läg’s wohl längst nicht mehr im Rotenkampe.“ Und darauf erzählte sie: „Da waren ’mal zwei Nachbarsleute in Sibbesse, die hatten sich schon lange vorgenommen, den Schatz auszugraben. Sie fasteten drei Tage lang und machten sich eines Abends im Dunkeln mit Hacke und Schute auf den Weg. Sie kamen um elf bei dem Baume an, unter dem sie den Schatz hatten brennen sehen, warteten, bis die Glocke in den Dörfern zwölf schlug und fingen nun mit aller Gewalt zu graben an. Es war eine rabenfinstre Nacht, aber auf einmal wurde es feuerhell, und da kam ein Mann an dem Baume vorüber, der hatte den Kopf unterm Arm und sagte: „Gun’ Abend, Bur!“ Die beiden Sibbesser hüteten sich aber wohl, zu danken oder sonst etwas zu antworten, denn sie wußten sehr gut, daß dann ihre Mühe eitel gewesen wäre. Und sie gruben mit aller Gewalt weiter, so daß ihnen der Schweiß man so von der Stirne pladderte. Und was meinste? Es dauerte nicht mehr lange, da stießen sie dich auf eine eiserne Kiste. „Wollt ihr Silber oder Gold?“ fragte es friedlich aus der Kiste. „Was drin ist,“ dachten die Männer, hüteten sich aber gar wohl, es zu sagen. Und nun packten sie die Kiste mit ihren Fäusten, mußten aber böhren, daß ihnen der Rücken knackte, so schwer war dich die Kiste ...“

„Die wird ganz stoppenvoll gewesen sein,“ unterbrach Steffen in seinem Eifer die Erzählerin.

„Stoppenvoll,“ bekräftigte sie und fuhr fort: „Sie packten nun immer fester zu und merkten auch schon, daß sich die Kiste zu heben begann. Jetzt aber kommt dich auf einmal etwas Wulkriges den Berg herauf gewälzt, und als es nahe ist, sieht es aus wie ein Regiment Mohren. „Platz da! Platz da! Oder wir schlagen euch die Köpfe runter!“ schreit es wie aus tausend Kehlen. Die Sibbesser kriegen keinen kleinen Schrecken, rühren sich aber nicht vom Fleck, sondern böhren mit aller Gewalt weiter. Da geht das ganze Heer wie ein Nebel über ihren Köpfen hinweg. Schon haben sie die schwere Kiste halb über der Erde, da denkt der eine: jetzt haben wir sie, aber er denkt es nicht nur, sondern schreit’s auch in seiner unbändigen Freude laut heraus. Aber da gibt’s ein höhnisches Gelächter um sie ’rum und — die Kiste rutscht in die bodenlose Tiefe hinab.“

Steffen schlug sich auf die Kniee, daß es klatschte und rief: „So ’n Dummerjan!“

„Ja, Steffen, das sag nur,“ erwiderte Annekathrine. „Hätte das Menschenkind nur noch ’n paar Minuten geschwiegen, bis es eins schlug, so wäre der Schatz ihr eigen gewesen; daran hätten tausend Teufel nichts ändern können.“

Steffen ging ganz aufgeregt hin und her. Endlich blieb er dicht vor der Alten stehen und fragte mit unsicherer Stimme, ob sie in dieser Nacht ’mal mit ihm hingehen würde!

Sie wurde ganz strack und wehrte mit beiden Händen ab: „Ne, ne, Steffen, lieber hundert Tote waschen als in so ’n Teufelsspuk ’rein gehen!“

Zudem wäre diese Nacht auch gar nicht geeignet. Man müsse den Schatz erst wieder brennen sehen, und das könne noch Jahre dauern. —