Steffens Gesicht zeigte große Enttäuschung. Er steckte den Buddel in die Tasche und schob sich nachdenklich auf den Hof zurück.

Als er unter den Walnußbaum kam, rauschte es so seltsam laut in seinen Zweigen, als wollte er ihm etwas zurufen. Und wahrhaftig, er rief etwas, und Steffen hörte, was er rief: Der Hofherr war gewohnt, daß ein Oelkers seine Pflichten allezeit aufs pünktlichste erfüllte; sollte er nicht ein Einsehen haben, wenn er vernähme, aus welchem Grunde diesmal der Zins nicht vollständig sei; wenn er die Versicherung erhielte, daß der Rest bis Neujahr getilgt werde? Ei gewiß, der gnädige Herr ist doch auch ein Mensch, hat doch auch ein Herz im Leibe, und lieber ihm zu Füßen fallen, als dem eigenen Bruder! Das rief der Walnußbaum, und Steffen nickte, nickte immer lebhafter. Ein freudiges Vertrauen stieg in ihm auf, und nachdem er rasch drei Teller voll Petersiliensuppe gegessen hatte, eilte er auf die Scheuer, um die erste Lieferung Zinskorn, die Probe, zurecht zu machen. O, er wollte dem Herrn schon ein Korn eintun, wie er’s gewiß noch bei keinem seiner Meier gesehen haben sollte, und müßte er das Korn auslesen wie Linsen.

Er siebte und sichtete den ganzen Nachmittag, verwandte auch noch den ganzen folgenden Tag darauf. Er konnte es gar nicht rein genug kriegen, das Korn; nicht eine Drespe oder Rade sollte dazwischen sein, gelobte er sich.

Das war freilich ein schweres Stück Arbeit, zu der er schon die dienstwilligen Tauben aus dem Märchen hätte gebrauchen können; denn Drespen und Raden hatte es in diesem Jahre wieder mehr gegeben als eigentliches Korn.

Marten ging durch die Scheune, sah mit seitlichem Blick auf den unermüdlichen Eifer des Bruders, tat aber, als sähe er nichts. In seinen Augen züngelte etwas, — und fester kniff er seine schmalen Lippen zusammen.

Zehntes Kapitel.

Früh am Martinimorgen lud Steffen den Dreihimtensack, den er am Abend vorher sorgfältig zugebunden und zurechtgestellt hatte, auf die Schulter — denn die Pferde wollte er dieser Kleinigkeit wegen und um Martens willen nicht strapazieren — und stapfte hoffnungsvoll zum Dorfe hinaus, dem Laufe des Baches entgegen. In drittehalb Stunden hoffte er am Ziel, gegen die Vesperpause wieder daheim zu sein.

Auf einem nahen Gehöft schrie ein Schwein in Todesnot, denn mit Martini begann die Schlachtezeit. Aus den Scheunen hüben und drüben tönte das muntere Geklapper der Dreschflegel. Da dachte er bei sich: „Wenn ich meine Fieke erst habe, können wir auch zu dritt dreschen; ei weih, dann wird’s auch munter gehen!“ Er schritt mit diesem Gedanken noch einmal so kräftig aus und hatte das Dorf bald hinter sich.

Von dem Wegerich, der ihn auf beiden Seiten des Weges begleitete, sprühte der Reif, wenn seine Füße ihn streiften. Hin und wieder begegnete ihm ein Sperling oder eine Ammer; am Rotenberge erwartete ihn ein Schwarm Distelfinken, — aber er ließ sich auf kein Gespräch mit ihnen ein. Die Berge glänzten in herrlicher Klarheit, in der Ferne hob sich das riesige Brockenhaupt scharf wie selten aus dem Wolkenschleier. Steffen sah nichts von alledem. Der Weg war hart und holprig, und der Sack drückte je länger je mehr. Als er nach einer Stunde in öder Feldmark keuchend aufsah, gewahrte er einen schwarzen Dohlenschwarm, bald gespensterhaft im Nebel sich herumwirbelnd, bald dicht an ihm vorüberstreifend, als wollte er ihm das Geleit geben. „Wenn diese schwarzen Vögel nur nicht was bedeuten,“ dachte er, und es war ihm, als hätten die Dohlen ihm Sack und Seele schwer gemacht.