Unterdessen pfiff Bruder Marten daheim ein lustig Lied nach dem andern. Er striegelte die Pferde, trug frisches Stroh in die Ställe und kletterte dann in den „Bansen“[28], um eine Lage Gerste herunterzuwerfen. Aber einen großen Trieb zur Arbeit schien er heute nicht zu haben, denn jedesmal wenn er ein Bund geworfen hatte, guckte er eine Weile durch das kleine runde Wandloch nach Drewes Hause hinüber. Seine Gedanken, die den Augen längst vorausgeeilt waren, ließen sich nicht mehr bändigen. In seinem Gesichte begann es sachte zu brennen, und als er wieder nach einem Gerstenbunde griff, zitterten seine Hände wie im Fieber.
Das Bächlein dampfte, die Felder dunsteten, und auf den Steinen lag helles Sonnenlicht. Als es gegen Mittag kam, lief Marten alle Augenblicke an die Ecke des Hauses, wo man nach Drewes Garten hinübersehen konnte.
Die Despe gluckste, der Hahn schlug gröhlend mit den Flügeln, und hurtig liefen seine Hennen, die verdrossen unter dem Schuppen gekratzt hatten, um das Haus herum in den hellen, warmen Sonnenschein hinein, der sich noch einmal behaglich zwischen dem Hofe und dem Bache ausbreitete — vielleicht, daß auch einige Würmlein und Käferlein wieder zum güldnen Lichte heraufkamen, denen die guten Hennen wieder mal was vorgackeln konnten.
Gleich nach dem Elfuhrläuten kam Sophie herüber, die Schürze voller Hobelspäne.
Marten hatte sie bereits von der Giebelklappe aus bemerkt, als sie zwischen den Eichen herkam. Er strich sich über das Haar, schnäuzte sich und trat glühenden Gesichts in die Haustür.
Nach kurzem Gruße, in dem heute eine große Befangenheit zitterte, eilte sie an ihm vorüber nach dem Herde, wo sie die Späne ausschüttete und alsbald ein Feuer anzumachen suchte.
Marten erwiderte den Gruß mit nicht minder großer Befangenheit und stand einen Augenblick wie angewurzelt. Der dämmernde, schweigsame Raum, das leise Brummen der Kühe hinter der nahen Tür, das Stampfen der Pferde nebenan, ein pickendes Huhn auf der Treppe, dazu die tiefe, menschenleere Ruhe auf dem Hofe ringsum, und der Gedanke, allein mit ihr in der ungestörten Häuslichkeit zu sein, mit ihr, der sein ganzes Trachten und Träumen galt — alles das wirkte so eigen auf ihn, daß es wie ein heißer Schauer durch seine Seele ging. Seine Blicke, voll glühender, dürstender Leidenschaft, umspannten die frische, wonnige Mädchengestalt, seine Seele schwankte wie in einem feurigen Rausche.
Draußen schrie der Gänserich. Im Stalle wieherte der Wallach.
Marten tat einen Schritt nach dem Herde hin, stockte aber wieder und sagte mit bebender Stimme: „Ich will dir ’n Eimer frisches Wasser von der Despe holen, Fieke!“
„Das kannste tun,“ hauchte sie kaum hörbar. Ihre Hand begann zu zittern, das eben entzündete Streichholz fiel zu Boden.