Da stand in seiner ganzen gedrungenen Leibhaftigkeit Meister Drewes, Mund und Augen groß offen, und es war eine Weile nur das vergeblich verhaltene aufgeregte Atmen der jungen Leute hörbar. „Habe ich’s doch fast geahnt,“ grollte er nun, „und“ — sein Ton wurde grimmig, „so ’ne Dirn habe ich erzogen, so ’ne Dirn?“

Sophie ließ die Hände sinken, trat entschlossen vor den Vater und sagte mit fester Stimme: „Es ist gut, Vater, daß du alles gesehen und gehört hast; so brauche ich dir weiter nichts zu sagen, du weißt es nun. Ich kann Steffen einmal nicht nehmen. Eher sterbe ich.“

„Nicht?“

Drewes erhob die Hand wie zum Schlage, ließ sie aber langsam sinken und sagte mit kurzem Entschluß: „Du kannst Steffen nicht nehmen? Also gut, dann haste hier jetzt nichts mehr zu suchen!“

Und er wies sie mit einer energischen Bewegung vor sich hinaus. „Ich kann dich nicht zwingen, in die Erde zu kriechen, wo einer liegt, der dein Wort hat; aber ich will es verhüten, daß meine Tochter aus den Armen eines Bruders in die des andern läuft, daß die Leute mit Fingern auf dich weisen und sagen: Seht, seht ...“

Als sie heftig schluchzend vor ihm hinging. zerschmolz aber sein Zorn wie Eis im Feuer, und es blieb nur eine betrübte Mahnung übrig: „Fieke, überlege es dir noch einmal; denke an den armen, ahnungslosen Steffen! Wenn der nun nach Hause kommt ...“

Er schüttelte heftig den Kopf, sah Marten mit einem langen, ernsten Blicke an und folgte ihr, kehrte sich indessen nochmals nach dem Burschen um, der nun wie in keckem Trotze dastand und sich die Lippen zerbiß: „Ha, du bist mir ein sauberer, du! Schande dir, so deinem einzigen Bruder ’s Liebste abspenstig zu machen. Du bist ja ein — du bist ja ein — ein — richtiger Jakob biste ja!“

„Ach, Drewes Vetter, ich will Euch was sagen,“ antwortete der Bursche mit gemächlichem Achselzucken, „die Geschichte von Jakob — Ihr meint den alten Erzvater, den Bruder von Esau? — wie gesagt, die Geschichte habe ich schon in meinem achten Jahre lernen müssen und seitdem in Schule und Kirche so oft gehört, daß es Euch nicht wundern kann, wenn mir etwas davon ins Blut übergegangen ist. Da solltet Ihr Euch lieber beim Herrn Pastor beschweren ... Und übrigens war doch Jakob ein höchst angesehener Mann vor Gott dem Herrn und in seinem Volke.“

„Ei, sieh einer diesen infamen Bengel!“ schalt Drewes und stampfte mehrmals mit seinen Holzschuhen auf die Treppe, daß es durchs ganze Haus dröhnte, „führt er noch pfiffige und gotteslästerliche Reden obendrein. I, da sollte doch gleich ...“

Es schien aber eher, als wäre die Antwort wie ein riesiger Spaß in seine Seele gefallen, und als hätte er Mühe, sich eines drängenden Lachens zu erwehren. Er kehrte sich rasch um und guckte nach dem rauchschwarzen Balken, als suche er etwas.