Marten stand erregt auf, sah an dem Bruder vorüber durchs Fenster und stieß plötzlich wie nach einer heftigen Selbstüberwindung heraus: „Gut denn, ich will das Opfer für dich bringen und will gleich morgen gehn!“

„Marten, ich danke dir auch recht vielmals,“ erwiderte Steffen mit einem tiefen Atemzuge der Erleichterung, „und nimm’s mir nicht verübel, daß ich vorhin so heftig gegen dich war — ’s war mir ja auch zu schlimm zu Mute, zu schlimm. Unsern Herrgott im Himmel hätte ich anklagen können, daß er mir das antun ließ.“ Er griff nach dem Brote und sah den Bruder an. „Willste nicht noch was essen, Bruder? Wollen wir nicht mal die Kopfwurst anschneiden?“ redete er eifrig und gerührt auf ihn ein.

Marten schüttelte den Kopf und sagte, ohne den Bruder anzusehen: „Verbürgen kann ich den Erfolg natürlich nicht ...“

„Nein, das kannste freilich nicht,“ gab Steffen sogleich zu, „aber ich denke, wenn du’s richtig machst und ich dann gleich am andern Tage selbst wieder hingehe, den vollen Meierzins und das lautere Korn mitbringe, wird schon alles in Ordnung kommen. Und da hätte ich gleich noch ’ne kleine — nein, ’ne große Bitte an dich,“ fügte er zögernd hinzu und rückte verlegen an dem Stuhle herum, „ob du wohl möchtest so gut sein und möchtest mir bis Neujahr den fehlenden Meierzins vorstrecken, damit ich doch nicht gleich ’m Schwiegervater zu kommen brauche.“

Marten schien dies Anliegen schon erwartet zu haben, er antwortete: „Habe mir freilich ’ne Kleinigkeit erspart, und hättest du mir gestern schon ’n Wort gegönnt, könntest du jetzt den Meierhof sicher in Händen haben, denn das Geld war doch die Hauptsache. Aber anbieten wollte ich es dir nicht, da du so geheimnisvoll gegen mich tatest.“ Während er dieses sagte, besah er die gelben Knöpfe an seinen Gamaschen; seinem Tone nach dachte er offenbar auch mehr an die Gamaschen, als daran, was er sagte.

Steffen merkte nichts, er dachte nur an das Geld, sah und hörte nur die ganz unerwartete brüderliche Bereitwilligkeit und fühlte es wieder froh heraufziehen in seiner schwer gepreßten Brust.

„O, ich Hans Dummerjan, der ich war,“ rief er voll witziger Freude, „’n reichen Bruder so nahe zu haben und sich mit so schweren Sorgen zu plagen!“

Er spähte wieder durchs Fenster, ohne zu bemerken, daß Martens Blicke ganz den gleichen Weg gingen. Er schob das Fenster auf und schob den Kopf her und hin, um an der besten Stelle durch das kahle Despegebüsch zu sehen.

Unter den Bäumen drüben, wo Sophie vorhin gegangen war, küselten dürre Blätter. Hie und da hing noch ein Apfel am kahlen Gezweige. Gleichsam als ein Pfand für’s kommende Jahr. Diesseits der Despe standen ein paar Graugänse, jede auf einem Beine, sahen schläfrig vor sich hin oder steckten den Kopf zwischen die Federn.

„Aufs Jahr muß’s ’n dicker Tropp werden,“ versicherte Steffen mit aufleuchtenden Augen, schob das Fenster wieder zu und rief in frohem Tone: „Nun bin ich aber hungrig, daß ich gleich ’n ganzen Kirchturmsknauf verzehren könnte!“ Und er schnitt mit dem stumpfen Messer durch das harte Brot, daß es ordentlich knirschte. Den Schimmel aß er heute aber nicht mit, der hatte ihn doch zu arg betrogen. Sein Glaube an das Goldfinden war überhaupt stark erschüttert, und er wollte nichts mehr glauben, was er nicht gedruckt in der Bibel vor sich hätte.