„Nun hör’ einer an,“ jammerte die Frau; und der Alte, verzweiflungsvoll durch die Stube schreitend: „Muß er sich nicht im Grabe umdrehen, der gute alte Nachbar, daß ich mein Wort so schlecht einlöse? Muß es nicht kommen, daß er mir in jener Welt weit aus ’m Wege geht, wo wir doch auf dieser Welt so gute Freunde waren und uns nie das Geringste zu nahe getan haben?“
Sophie hielt die Schürze an die Augen und schluchzte: „Vater, kann ihm denn das eine Kind nicht so lieb sein wie das andre?“
Die Alten sahen das Mädchen an, sahen einander an und schwiegen beide still. Die Frau setzte sich wieder an ihr Rad und sagte nur, ohne die Tochter anzusehen: „Geh jetzt und mach das Wasser heiß!“
Der Meister, der eben zwischen den Sägen an der Wand gesucht hatte, ging hinter ihr drein und raunte ihr draußen am Herde ins Ohr: „Fieke, magste wohl ’mal mit mir um Mitternacht auf ’n Kirchhof gehn?“
Sie sah ihn groß an. Leise fuhr er fort: „Wir wollen ins Grab ’runter rufen und dann auf ’n Zeichen warten.“
„Ja, Vater, ich gehe mit dir!“ flüsterte sie und sah ihn dankbar an. Er strich mit leiser Hand über ihr Haar und begab sich rasch an den Radstock, während das Mädchen Kohlen aus dem Ofen nahm und ein Feuer auf dem Herde entzündete.
Dreizehntes Kapitel.
Steffen fühlte nach der Rückkehr eine wühlende Last auf seiner Seele und verrichtete sein Tagewerk mit schwerem, schleppendem Gange. Er ahnte mehr, als er begriff. Vergeblich suchte er sich zu ermannen.
Da ging er in die Stube und langte von der Ecke des Wandbrettes, auf dem die Milchbriwen standen, die Bibel herunter. Es war ein gewohnter Griff, denn er hatte dem Vater an Sonntagen und Winterabenden oft aus der Bibel vorgelesen und für sich auch manche müßige Stunde mit dem Buch der Bücher verbracht, war es doch das einzige Unterhaltungsbuch im Hause und im Dorfe. Jetzt aber hatte er weniger das Bedürfnis nach Unterhaltung, als vielmehr nach Tröstung. Er setzte sich an den Tisch, schlug die Bibel auf und traf im ersten Blick auf die Stelle: „Er heißt wohl Jakob; denn er hat mich nun zweimal untertreten. Meine Erstgeburt hat er dahin, und siehe, nun nimmt er auch meinen Segen.“