Weg mit dem scheußlichen Gedanken! Marten wäre doch sein Bruder, und ein Bruder könne doch am Bruder nicht so handeln, — redete er jetzt gleichsam zu sich selber. Aber — war nicht Jakob auch Esaus Bruder gewesen? Freilich! Allein es waren nicht christliche, und es waren nicht hannoversche Brüder gewesen. Er schlug die Bibel, die noch offen auf dem Tische lag, heftig zu und ging wieder hinaus.
Ein Freudenschein legte sich über sein Gesicht, denn er traf ein holdes Wunder vor seiner Tür. Sophie!
Sie stand auf dem Antrittsteine, zupfte sich das Kopftuch zurecht und kam zögernden Schrittes herein.
„Fieke, das ist gut!“ rief er und konnte sich vor Freude nicht lassen.
Ihr Gesicht war blaß, ihr Blick verlegen. Da sie aber nun rasch auf die Küchendiele ging und die Tür hinter sich zuklappte, konnten sie einander nicht so scharf ins Gesicht sehen, denn das einzige Fenster der Küchendiele war hoch und klein, und seine in Bleirähmchen gefaßten „Ruten“ schillerten gräulich-grün, wo sie nicht ganz verräuchert waren.
Er ging auf sie zu, tastete nach ihrem Arm und griff vorbei, denn sie stand schon am Herde, sah nach den Töpfen und Tellern, ohne jedoch etwas anzurühren und sagte: „Du warst vorhin in unserm Hause, Steffen.“
„Ja, Fieke, und habe dich nicht gesehen,“ antwortete er und legte seine Hände zutraulich auf ihre Arme.
„Hoffentlich hast du dir nichts daraus gemacht,“ sagte sie und bückte sich nach dem Ofenloche, wodurch sie wieder frei wurde.
„Ah, was denkst du auch, Fieke! Geärgert habe ich mich und das nicht wenig,“ erwiderte er eifrig und nahm ein kleines Sprickbund von der Wand, um es vor das Ofenloch zu legen, weil er dachte, daß sie Feuer anmachen wollte.
„Ich habe mich auch geärgert,“ sagte sie und richtete sich wieder auf.