»Seht Ihr das Fenster dort, von Rosengezweig umrankt?« flüsterte Klingsohr.
Ich sah dahin und gewahrte auch dicht dabei eine Pforte, die von der Burg her in unser Gärtlein führte.
»Des Grafen Eberhard Nichte, Junker, von der Ihr den Kranz empfienget, wohnt heint allda zur Herberge. Von der Alten erfuhr ich’s, die am Abend das Fräulein heraufreiten sah, stattlich geleitet. – Wenn wir ihr allhie begegneten, Junker, wie geschwinde liefet Ihr wohl davon?« Dabei kicherte er verhohlen.
Ich sagte nichts; doch sah ich im Gehen hinauf zum Fenster, und ich fühlte mein Herz stärker klopfen.
Da klang ein Ton durch die Stille, fein und leise. Wir hielten mit Gehen an und horchten auf. Es war das verhaltene Summen einer menschlichen Stimme, das von drüben herkam, wo am Ausgang aus dem Garten über der Ringmauer der Burg ein Sommerhaus als ein Thürmlein gebaut war zum Lugaus hinunter in Dorf und Thal. – Jetzt vernahm ich, halb gesungen und halb gesprochen, als würden sie nur laut gedacht, die Worte:
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Dich lacht sie an mit rothem Munde
Und haftet doch im finstren Grunde,
Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:
Das ist der Liebe Ebenbild!
Es schafft das Leid der Liebe Pein,
Doch ohne Leid kann Lieb nicht sein,
Es liebt die Lieb’ Leid zum Gedeihn! –
Dieser mein Spruch, den ich vorhin gesungen, da es Kranz und Kleinod galt – welch’ neue Gewalt hatte er doch jetzt über mich! Ich erschrak und erzitterte schier, und doch schwebte mein Herz hoch auf in Wonne; mir war’s, als träumt’ ich nur, und sodann wieder, als erwacht’ ich nun erst aus ungewissem Wahn zur Wahrheit und zum Leben.
»Irmela!« rief ich und eilte, ohne auf Klingsohrs eifrige Gebärden zu achten, mit denen er mich trachtete zurückzuhalten, hin, woher die Klänge kamen.
Sie mußte den Namen gehört haben; denn als ich zum Sommerhause kam, erblickt’ ich sie, wie sie am offenen Eingang desselben stund, regungslos, als spähte sie hinaus.
»Irmela!« so rief ich wieder und fand vor Freude und Bangigkeit kaum den Odem zu dem Worte, wie ich nun nahe vor sie trat.