Entscheidung.
Wenn im Frühling die schwanken Birkenzweige im ersten Grün erprangen, wenn der laue Hauch der Luft die glänzenden Hüllen von den schwellenden Blattknospen der Buchen und Linden streift, wenn die Blumen aus dem Grase dringen und überall wieder das Leben sich regt und schmückt: dann ist solcher Anblick wohl für jeglichen Menschen, der sein genießt, eine Ursach zur Freude, und, sein Muth sei froh oder traurig, ihm sei wohl oder weh, so vernimmt er in solchem Walten Gottes zur Frühlingszeit einen Ruf, sein Herz zu stärken und jede gute Hoffnung aufschweben zu lassen, wäre sie auch oft schon zu Boden gestoßen und gar flügellahm worden.
Anders, acht’ ich, ist’s im Herbst, wenn der Schmuck der Erde allgemach vergeht und von Tag zu Tag die Gärten leerer, die Wiesen fahler und die Wälder kahler werden. Davon mögen die Menschen, je nachdem es ihnen um’s Herz ist, leicht oder schwer, einen gar verschiednen Muth gewinnen. Es kann sich ganz lustig
ansehen, wie so ein gelbes Blatt nach dem andern vom Baum gelöst und tanzend vom Winde hinweggeführt wird, wenn die Früchte sicher eingethan sind, die der Baum gegeben hat, und dem Genieß aufbehalten; auch weiß sonder Zweifel das Auge des Hoffnungsvollen am sich entblätternden Baume überall die Knospen wahrzunehmen, darin Blätter und Blüthen wohl verwahrt sind schon für’s kommende Jahr. Ja, wem daheim der warme Herd in die Mitte der Seinen winkt und zu willkommener Ruhe nach gethaner Arbeit: wie gern mag der sich von den rauhen Herbststürmen hinein scheuchen lassen! Kürzlich: wem die Wurzeln seines Lebensbaumes noch fest und kräftig genug in der Erde haften, Nahrung daraus zu ziehen, wer da im Stamm inwendig noch den Saft aufsteigen weiß: der ersieht auch im Winter nur den Vortraum und Stärkungsschlaf für Leben und Lust des kommenden Lenzes und mag die kalte Hand, die das Laub entstreift, mit Freuden begrüßen. – Aber für die Meisten freilich hält der Herbst, wenn er dem Winter die Bahn macht, eitel Leichensermone; denn unter den Menschen, so zum Nachsinnen über sich gekommen sind, wozu Frau Unglück weit besser anleitet, als ihre ungleiche Zwillingsschwester, sind, wie ich sorge, viel mehrere, welche von der Zukunft hienieden lieber zu wenig hoffen, als zu viel und darum die Trauerlieder des sinkenden Jahres überleicht verstehen und nachsingen.
Dazu war wohl auch ich weidlich geschickt geworden nach meiner Gefangennahme, seit ich wieder in’s Kloster zurückgebracht war, allda des Ausgangs meiner Sache zu harren. Zwar nur wenige Monate waren seitdem verstrichen. Aber als ich aus meiner Zelle, die mir
zur Büßung abseits von denen der Brüder angewiesen war, in den grauen Novembertag hinaussah, drückten seine tiefhangenden Wolken schier auf mein Herz, und der Wind, der durch die kahlen Äste des Nußbaumes vor meinem Fenster fuhr, seufzte, als wollt’ er mir helfen trauern und klagen.
Wie manchen Tag hatt’ ich schon vom nämlichen Schemel, den Ellenbogen auf dem Tisch vor mir gestützt, durch dies kleine Fenster hinausgesehen nach dem Nußbaum und dem Himmel, so viel davon zu erblicken war; denn sonst war die Welt meinen Augen versperrt. –
Wenn ich früher ihn betrachtet hatte, wie er so mächtig aus dem Zwinger emporstrebte, hatt’ ich nicht gedacht, wie sehr ich’s ihm einstmal noch danken würde, daß er also hoch gewachsen war, so hoch, daß er mit seinem Wipfel auch über das kleine Fenster der einsamen Zelle hinausragte, deren Bewohner nun ich war. – Wie doch heute sonderlich die Äste stöhnten, wenn der Wind sie schüttelte und, ihre Zähigkeit erprobend, sie gegen einander schlug; wie knarrend die dürren Zweige zerbrachen, und wie ängstlich die wenigen gelben Blätter, die noch am Gezweige saßen, sich hin und wieder wendeten, so oft ein Windstoß sie erfaßte, als sträubten sie sich gegen ihn und riefen um Hilfe! –