rathen möchte, die Bosheit auszuziehen und Gnade zu gewinnen.
Der hatte denn auch das Amt, so er überkommen, an mir mit allem Eifer angegriffen. Einsamkeit, Casteiung und allerlei Plage sollte meinen Sinn ändern, dazu stetes Gespräch mit ihm von heiligen Dingen und von Verachtung der Welt. War ich nicht manchen Tag hinunter in die Geißelkammer geführt worden, auch dazu aus dem Schlaf geweckt, allda das Miserere zu singen und Schläge zu leiden?
Doch wiewohl mir meine große Fehle, damit ich mich verschuldet hatte, leid war, so blieb doch mein Muth und Wille hinausgerichtet, wie anfangs, und die himmlischen Dinge, die mich hinwegziehen sollten von allem weltlichen Trachten, erlangten diese Gewalt nicht über mich. Ja, wenn oft unter den Geißelschlägen mein Rücken rünstig ward und ich dennoch ihnen stille hielt und nicht zuckte; wenn ich jegliche Pein, mit Wachen und Fasten mir auferlegt, williglich trug und nicht murrte, so wähnte mein Beichtiger wohl, es wäre die wahre Zerknirschung und herzliche Reue, die mich so harte Buße demüthig tragen lehrte: aber es stund viel anders mit mir. Ich hätte das Schwerste auf mich genommen in dem Gedanken, der mir auch all’ dies Ungemach leicht machte: daß ich es litte, weil ich mich gefangen gegeben für sie, für die Maid, die mir allzeit im Sinne lag, deren Bild in aller Pön mir winkte.
O, welche Gewalt hat doch eine starke Hoffnung über des Menschen Herz! Sie ist allgegenwärtig, wie das Sonnenlicht. All’ unser Denken und Thun, Mühe und Plage, Leid und Noth durchleuchtet sie; sie durchsüßet
die Bitterniß und durchblümet selber die Wüstenei, die wir durchwandern müssen.
So hab’ auch ich’s erfahren in jenen Tagen.
Wie oft, wenn ich einsam in der Zelle weilte, brachte mir die gewisse Hoffnung, der Tag der Befreiung würde erscheinen, Stärkung und Trost! Wie malte sie mir mit dem Sonnenstrahle, der an der Wand zitterte, lichte Bilder hin von Aventiuren, Ehren und ritterlichen Thaten, von Freiheit und Wiedersehen! Wie hört’ ich ihr Flüstern im Rauschen des Nußbaumes, wenn der sanfte Wind das Laub bewegte!
Mit jedem Tage stieg diese Hoffnung; denn jeder brachte ihre Erfüllung näher.
Mit Fleiß achtete ich auf die grünen Früchte, die mir der Nußbaum durch’s Fenster zeigte, wie sie allgemach größer wurden. »Eure Schaale ist bitter«, sprach ich oft, »und selber dem Anblick wird sie unhold mit der Zeit. Aber drinnen hegt sie wohlverwahrt den süßen Kern; die Hülle springt, und er tritt an’s Licht. So tragen auch diese Tage, deren Bitterkeit ich schmecken muß, in ihrem Schooße für mich die köstliche Frucht der ersehnten Freiheit; noch ist sie mir verborgen, aber unmerklich reift sie heran.«
Doch ach! eine Woche nach der anderen war herumgegangen, und noch immer hört ich nichts davon, daß draußen meiner gedacht ward. Jeglichen Morgen sah ich klopfenden Herzens in meines Beichtigers Angesicht, prüfend, ob er die erhoffte Nachricht mir nicht zu verkünden hätte. Aber er schwieg davon, und der neue Tag schwand gleich dem vorigen.