So einförmig giengen die Tage hin, so geräuschlos schlich die Zeit durch Wochen und Monate, daß ich

ihrer Zahl und Menge, wie viel ihrer waren, gar nicht Acht hatte. Aber wohl sah ich, wie die Nüsse sich aus ihren Hülsen schälten, vom Baume fielen und die leeren Schalen zurückließen; wie die Blätter sich entfärbten und das Geäst allgemach lichter ward; wie dann der Himmel, der da hindurch blickte, als durch ein immer weiter sich öffnendes Gegitter, öfters trüb schien und seltener in blauer Klarheit glänzte. Ich sah, wie das Sonnenlicht immer später meine Zelle besuchte, immer schmaler darin seine goldenen Streifen zog und nimmer bälder daraus verschwand.

Wenn auf trübe Tage wieder ein sonnenheiterer folgte, hatte ich schier mit Ungeduld geharrt, den Schein zu sehen, ob er wohl merklich würde zurückgewichen sein gegen das letzte Mal, da er an der Wand geglänzt; und als es geschah, daß ich wahrnahm, wie die Sonne meine Zelle nicht mehr erreichte und den letzten Scheideblick des Jahres herein geschickt hatte in meine Einsamkeit: da war eine große Traurigkeit über mich gekommen, als sollt’ ich auch den güldnen Träumen von Erledigung und Freiheit den Abschied geben.

Aber ich hatt’ es nicht vermocht, ich hatte um so sehnlicher gehofft und war nicht müde darin geworden, wie auch die Blätter immer zahlreicher fielen und die kahlen Zweige schmucklos zu mir herein starrten. – –

Wie mit Fleiß ich an dies Alles heut’ zurückdachte am stürmischen Novembertage, als ich zum grauen Himmel hinaussah, und wie die letzten Blätter sich wehrten wider den Wind, der sie zauste, und half ihnen doch Alles nichts!

Nein, es half auch mir nichts: mein Hoffen und Sorgen, Zagen, Wünschen und Ungeduld! – Wenn

es der Weltenherr so beschlossen hätte, daß mein Leben und die Welt draußen immer geschieden blieben von einander! Wenn das Gelübde meiner Mutter, da die Gottesminne ihre Liebe zu mir bezwang und durchklärte und sie mich der frommen Hut des Klosters übergab, gewißlich ach, mit heißen Gebeten! im Himmel versiegelt ward!

Aber konnte das sein? Wäre mir dann die Einfalt und der Frieden meiner Jugend so verwirrt durch Lust und Weh der Welt, durch das Eindringen ihrer Süße und Herbe in mein unerprobtes Herz? Wären dann jene Versuchungen an mich herangedrungen, um welcher willen, daß ich vor ihnen geborgen bliebe, ich hieher gebracht worden war an diese Stätte geschützten Friedens?

Doch wie? Durft’ ich mich unterwinden und all’ dies, was mich abwendig gemacht hatte dem heil’gen Stande, ansehen als von dem waltenden Gott so gefügt? War es nicht vielmehr der Dünkel und Wahn meines unberathenen Herzens, eigenwilliges Entweichen vom Wege, der mir verordnet war? O, dann war es ein unmächtiges Ankämpfen, ein schuldvoller Ungehorsam. Und dies sehnliche Verlangen in mir nach Ehre, Freude und Glück der Welt, nur darnach? nein! auch nach ihren Kämpfen, Mühen und Schmerzen: sagte es nicht noch jeden Augenblick Ja! zu der Hoffahrt und Eitelkeit meiner Seele, bedrohte es mich nicht mit immerwährender Unseligkeit, so der Spruch fiele, daß ich im Kloster bleiben müßte? Dann wäre mir die Erde vergällt und für die Ewigkeit meine Seele der finsteren Schaar zugeordnet. –

Ich erschrak vor solchen Gedanken! Ich sah hinweg vom Fenster und lenkte meinen Blick auf das Buch, so vor mir aufgeschlagen war. Es waren S. Anselmi