Betrachtungen. Mein Beichtiger hatte mir das Buch hereingegeben zu heilsamem Nachdenken. Täglich mußt’ ich ein Stück darin lesen und auf sein Befragen davon Rechenschaft thun, ob ich die Meinung recht verstanden hätte. Ich that es; aber meine Seele war nicht dabei. Heute zum ersten Mal kehrt’ ich allen Eifer dazu. Ich las von dem Meere des Verderbens, welches wäre die Tiefe weltlichen Begehrens, und vom bodenlosen Schlamme der fleischlichen Lüste; ich las von dem Elend dieses Lebens: wie es gliche einem finstren Thale, in seinem Grunde voll Martern; darüber eine einzige Brücke, sehr lang, aber nur eines Fußes breit; über diese so schmale, so hohe, so gefährliche Brücke gehen müssen, mit verbundnen Augen, also daß man seine Schritte nicht sehen kann, mit rücklings gefesselten Händen: so in Furcht und Ängsten des Herzens schweben: Das wäre dieses Leben. Ich las vom Tode, wie er alle Schönheit der Gestalt verderbt und die zarten Glieder der Verwesung und den Würmern überantwortet; vom Grauen der Sterbestunde, von den Schrecken des jüngsten Tages.
Solches Alles las ich, wie es in der ersten Meditatio des heiligen Lehrers zu finden ist. Davon überkam mein Gemüth große Pein. Denn wenn ich es untersuchte, so erfand ich doch darin die Abkehr von dem vergänglichen Weltwesen nicht erwirkt, noch das Verlangen nach der himmlischen Freude entzündet; sondern daß ich frei würde und ein wackerer Held, der Ehren erwürbe Brun zum Trost und Irmela zur Freude: das war all’ mein Verhoffen und mein Begehr, wie vorhin.
Da schickt’ ich mich an, zu Gott zu rufen, daß Er mir die Verachtung der Welt in die Seele senken möchte und die völlige Gelassenheit, aber unvermerkt
ward solch’ Gebet zur Bitte, die Stunde meiner Losgebung möchte bald erscheinen – und Beides zusammen konnte doch nicht bestehen.
So hub ich denn in also zweifellichem Wahn meine Augen auf und sah hinaus, wie ich zuvor gethan hatte. Der Wind fuhr noch immer durch die Zweige und schüttelte sie. Hatte er denn schon alle Blätter nun davon geführt, alle? – Nein, eines hieng noch fest, ein einziges. Ich faßt’ es in’s Auge und blieb daran haften mit meinem Blick, wie es ohne Aufhören auf und nieder und zu den Seiten flatterte und doch nicht abriß. – »Du willst, guter Baum,« sagt’ ich, »das Einzige, was Dir vom sommerlichen Schmuck geblieben ist, nicht lassen; also auch ich nicht die Hoffnung von daher. Aber das Jahr ist spät und wie lang’ kann Dein Widerstand noch dauern – und meiner?«
Aus solcher trübseligen Betrachtung erweckte mich ein Klopfen an der Thüre. Die kleine Öffnung in ihrer Mitte, deren Thürlein aufgethan ward, ließ eine Hand sehen, die ein Papier in die Zelle fallen ließ. Als ich es aufnahm, war schon die Hand wieder zurückgezogen und die Öffnung verschlossen.
Es war ein Brief, erbrochen und durch den Abt mir überschickt – ein Brief, mir von Brun geschrieben aus Rom. Wie froh erschrak ich, als ich den Namen las, und wie faßt’ ich jeglich Wort, das da geschrieben stund, zu Herzen!
Gewißlich entsänn’ ich mich seines Scheidewortes an mich. Ihm wär’ es allzeit lebendig im Herzen geblieben, und Anderes hätt’ er nicht erstrebt, als daß er mir Befreiung erwürbe und mich in das Erbe seines Namens und seiner Güter setzte. Er hätte manchen Gang darum gethan und auch Graf Eberhard – ich
kennte doch Adelbert aus Bruno’s Geschichte? – – wäre ihm eifrig zur Seite gestanden. Auch andere seiner Freunde aus jungen Jahren hätten sich für ihn eingelegt und selber ihm zur Hoffnung verholfen, daß er Land und Leute, so er einst besessen, wiederum zu Handen erhielte. Aber es hätte sich erwiesen, daß geistliche Rechte wider ihn wären.
Und nun ließ er mich wissen, daß meine Mutter nach altem Brauch mich feierlich dem Kloster und geistlichem Orden übergeben, daß der Priester aus ihrer Hand mich auf den Hochaltar genommen und als ein Opfer und süßen Geruch dem Himmelskaiser geweiht hätte. Da wäre die Stola um des Knäbleins Arm von ihm geschlungen worden und meine Mutter hätte alle heiligen Gelübde, vom Priester ihr vorgesprochen, für mich vollbracht. Auch wäre darüber eine Urkund nach allem Erforderniß in der Abtei niedergelegt. Auf solches Alles hätte sich der Bischof berufen, und zu ihm hätten die höchsten Oberen des Cisterzienserordens gestanden. – Darum hätt’ er sich aufgemacht und wäre gen Rom gezogen, dort beim heiligen Stuhl für mich zu bitten; aber man hätte ihn schlecht an die Entscheidung des Bischofs und des Ordens gewiesen, darnach müßte der Spruch gefällt werden.