Ob ich ihn wohl zu lieben angefangen hätte, als das Kind den Vater soll? Ob ich mir wohl fürbilden könnte, wie selig ihm die Stunde gewesen, da er mich gefunden und wie er seitdem nichts wüßte, als mein Bestes zu suchen? – Dann sollt’ ich nicht wider Gott fechten, den Frieden meiner Seele in Acht nehmen und mich in’s Kloster ergeben. Ich sollte nicht hinaustrachten um seinetwillen, denn er hätte aller Dinge

beschlossen, daß wir unser Angesicht nicht mehr sähen. Es wäre besser so. Er hätte ja eine Weile gedacht, der hehre Christ hätte seine Buße angenommen und wollte sein brauchen, Freude für seinen Sohn zu säen und ihm die Wege durch die wirre Welt zu ebnen, in denen er selber sich verloren. Unterweilen hätt’ er auch einen hellen Traum gehabt, als möcht’ er Joconda wiederfinden. Aber sie wäre, wie er erkundet hätte, schon lange in Frieden, wohin dies zeitliche Jammerwesen nicht reichte, und um mich wär’ er solches Glückes nicht würdig erfunden. Darum wollt’ er von Stund’ an seine Buße vollenden und die göttliche Güte unablässig bitten, daß sie meine Seele von allem irdischen Dichten reinigte und ganz ausleerte von jeglichem Verlangen, das doch nicht erfüllt werden könnte, bis mein inwendiger Geist ganz stille würde und offen für die Süße der himmlischen Liebe. Weil er denn bedächte, daß das Band, so mich mit ihm verknüpfte, mich sonderlich stark hinauszöge in die Welt, so hielte er es für wohlgethan, auch dies Gott aufzuopfern, daß ich mich leichter losmachte und, was ich aufgeben müßte, desto minder schätzte.

»So scheide ich denn«, so beschloß der Brief, »mein herzgeliebter Sohn, hiemit von Dir, nicht nach dem Herzen und nicht für ewig. Unser kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald verschwunden. Denke, daß es heut geschieht! – Die ewige Dreifaltigkeit nehme Deiner in Gnaden wahr, sie enthebe Dich aller Wirrsal und gebe Dir Freude und Frieden! Das ist mein Segen. Fahr wohl! –

Mein Sohn, bitte für mich!

Gegeben in Rom in St. Augustini Kloster.

Bruno

Als ich ausgelesen hatte, entfiel der Brief meinen Händen und meine Arme sanken schlaff herab. »Fahr wohl, fahr wohl!« rief es mir nach. »Fahr wohl, mein Vater! fahr wohl jede süße Hoffnung; fahr ewig wohl!« In dumpfem Klageton hört’ ich’s so; aber ich fühlte, wenn ich’s ausspräche, so müßt’ ich’s hinausschreien, und ich verharrte im Schweigen. Denn in allzugroßem Weh mißgönnt sich der Mensch auch den Trost der lauten Klage. –

Eine starke Windsbraut, die mit klatschendem Regen gegen das Fenster fuhr, schreckte mich auf und riß meinen Blick empor. Die Äste schlugen gegen die Scheiben, also daß sie erklirrten, und das letzte Blatt, von seinem Zweige geschieden, wirbelte durch die Luft; eine kleine Weile ward es umhergetrieben, dann entschwand es meinen Blicken.

»Fahr wohl, fahr wohl!«

Da quoll ein Dunkel auf um mich her, als wollten Wellen eines Meeres mich verschlingen, und die Sinne vergiengen mir. – Als ich mich wiederum besann, fand ich mich auf der Diele liegend; der kurze Tag war herum und die Zelle ganz finster. Vom Himmel und vom Nußbaum war nichts mehr zu sehen, nur der Wind gieng draußen wie vorhin, und so oft er die Äste gegen das Fenster bog, hört ich’s noch immer rufen: »Fahr wohl, fahr wohl.«