Ich weiß nicht, wie lange dies währte, als es geschah, daß an der Thür der Riegel zurückgeschoben ward und gleich darauf Einer aus dem Convent, nicht der meiner Pönitenz vorgeordnet war, mit Licht in meine Zelle trat.
So geschlagen ich war in jener Stunde vor großem
Leide, wollt’ ich doch nicht, daß Solches im Convent offenbar würde; ich hatte mich also aufgerafft und trat dem, der mich heimsuchte, so gelassenen Angesichts entgegen, wie ich’s vermochte.
Der aber sprach, mich betrachtend: »Diether, wie siehst Du verhärmet aus! Fasse Muth in’s Herz; leichtlich wirst Du bald wieder froh. Denn so erfindet sich’s unselten im Leben, daß die besten Tage die bösesten ablösen.«
Darnach sagt’ er mir, daß Abt Albrecht ihn geschickt hätte, mich allsogleich vor ihn zu führen, und, wie sich’s ansähe, hätte der für mich wichtige Zeitung.
Als ich in des Abtes Gemach trat, saß der, wie er pflegte in Stunden der Muße, im hohen Gestühl, vor sich ein Buch zu heiliger Betrachtung und gelehrtem Fleiß oder, wenn es mit Bildwerk geziert war, auch zu lustsamer Beschauung bestimmt. Doch er hatte das Ansehen nicht, als ob er heute sein Nachdenken da hinein tief versenkt hätte. Denn kaum erblickt’ er mich, als er mich näher winkte, eine kleine Weile prüfend seine Augen auf mir ruhen ließ, seinen Mund aufthat und folgendermaßen anhub:
»Wir haben Dir eben heute, Diether, einen Brief zugehändigt, der billigermaßen Dein Gemüth beschwert und in Traurigkeit gesetzt hat. Denn darinnen ist Dir kund geworden, daß Du Deines Vaters Angesicht nicht mehr sehen sollst in dieser Zeitlichkeit.« –
Als ich diese Worte hörte, fühlte ich die Trübniß, die mich vorhin überwältigt hatte, wiederkehren, und wiewohl ich mich gedachte fest zu machen, konnt ich’s nicht wehren, daß meinen Augen vor übergroßem Leide Zähren entflossen.
»Ja, gewißlich«, sprach er weiter, als er solches
wahrnahm, »ist davon Deine Seele hochbewegt; und wir nehmen noch sonst ein Verständiger, sogethane Trauer Dir nicht für Übel; denn kindliche Liebe ist göttlicher Schöpfung, und Fleisch und Blut thun nach ihrem Willen. Doch, Diether, ich verhoffe, die ernstlichen Ermahnungen aus theurem väterlichem Munde, auch die Erkenntniß Deines eigenen Herzens und deß, was ihm das Beste ist, dazu Du mit allem Fleiß angehalten worden bist, werden Dir geholfen haben, jene Traurigkeit zu überwinden, die eitle Herzen unter sich bringt, denen der Welt Lust versagt ist, darnach sie vergeblich trachten. Ich verhoffe, Du siehest fürder diese Abtei, in der Du auferzogen bist, nicht als ein Gefängniß an, sondern bedenkest wohl, daß Du allhie nicht allein der Seele Heil am ungefährdetsten erwirken, sondern Gott mit der edlen Kunst, deren Vermögen Er Dir verliehen hat, am würdigsten dienen magst. – Daß in dem Allen Dein Sinn erprobt werde, dazu ist Dir zur Stunde Gelegenheit geboten.«