In Speyer, als ich dargekommen war, war es mir mit meinen Sachen wohl gerathen. Ich hatte die Bestätigung meiner Freiheit und meines ritterlichen Standes erlangt. Das Lehn, in Schwaben gelegen, so mir zugestanden war, ward mir überantwortet, und was weidliche Leute und Geschlechter in der Stadt waren, von denen ward ich aufgenommen und ehrlich angesehen; sie litten mich allenthalben gern und wähnten nicht anders, denn daß ich bald zu hohen Ehren kommen

würde. Doch that ich dazumal Alles mit halbem Herzen; denn die Gewißheit, daß Irmela Ritter Conrad freien würde, wie mir die Fahrenden das berichtet, hatt’ ich bald nach meiner Ankunft in Speyer erlangt. Davon erstarb mir die Freudigkeit, und von dem großen Leide, das ich da gewann, konnt’ ich mein Gemüth nicht hinwegziehn. Doch schöpft’ ich noch ein kleines Tröstelein. Denn wie? Ich mußt’ es ja glauben, was sie Alle sagten, und glaubt’ es doch wieder nicht. Von ihr selbst, dacht’ ich, will ich’s erfahren. Hinaufzuziehen gen Elzeburg, deß unterwand ich mich nicht, denn ich besorgte, ich möchte nicht vor sie gelassen werden und dem Gernsteiner dann begegnen, der dort weilte, wie ich hörte. So schrieb ich einen Brief an die Maid, darin ich ihr meine Erledigung aus dem Kloster vermeldete und ihr theuer schwur, meine Treue würd’ ich ihr ewiglich halten und wie mein Gemüth unbeweglich auf demselben Sinn stünde. Darnach ließ ich sie wissen, wie große Sorge und Zweifel ich gewonnen hätte, da mir die Sage von ihr zu Ohren gekommen wäre, daß sie dem Gernsteiner mit Nächstem sollte angetraut werden, und ich bat sie beweglich mit dringenden Worten, daß sie mir doch ihres Herzens Willen und Meinung kund thäte, und ob sie, wie ich wohl glaubte, zu solchem Ehestande gezwungen würde. Dann wollt’ ich alle Macht daran setzen, so oder so ihr zu helfen und mir. Nur das eine selige Wörtlein möchte sie mir schreiben, daß ihr Sinn und Wille unverändert wäre, gleich wie sie in meinem Herzen beschlossen bliebe ewiglich.

Solchen Brief gab ich Klingsohr, daß er ihn sicher und geheim überbrächte, auch die Antwort, welche er

erlangen würde, heimlich hielte. Denn die beiden Fahrenden waren mir gen Speyer gefolgt.

Mit Ungeduld wartet’ ich des Bescheides. Es währte nicht gar lange, daß ich ihn durch Klingsohr erhielt. Es waren nur wenige Worte, die sie mir überschickte, aber solche, die wie der Frost im Märzen jedes noch keimende Blümlein meiner Hoffnung und Zuversicht ertödteten. Sie bat mich um Gottes Willen, ihr nie wieder mit keinerlei Botschaft oder Brief zu nahe zu kommen, noch etwa selbst sie heimzusuchen; sie wünschte mir von Gott und seinem himmlischen Heer alle Genüge und Freude allerwegen; aber wir müßten geschieden bleiben forthin, und sie bäte mich, ihrer zu vergessen; denn das sollt’ ich wissen: sie reiche aus keinerlei Zwang dem Gernsteiner die Hand als ihrem Ehegemahl, sondern willig und aus freiem Erbieten. Der reiche Christ möge meiner Seele pflegen hier und dort. Dies wäre ihr letzter Gruß.

Von Stund’ an hatt’ ich keine Ruhe mehr in Speyer, und alle Lust an Freud’ und Festlichkeit, ihrer mit zu genießen, war mir verdorben. Wo ich immer weilte, giengen die schweren Nachgedanken mit mir an die hohe Wonne, die sich in Weh verwandelt hatte, und oft, wenn ich mitten unter Menschen war, die mich fröhlich sein hießen, ward ich etwas inne von dem, was Herr Albrecht mir gesagt hatte, daß man sich auch in der Welt und ihrem Geräusch einsam fühlen könne. –

Da reichte eine Traurigkeit der andern die Hand; denn der Schmerz um Bruno, meinen Vater, überkam mich mit neuer Gewalt. Ich schalt mich unkindlichen Sinnes, daß ich mich unbeständiger Frauenliebe hätte

trösten wollen und ihr noch Raum gelassen in meinem Herzen, da ich allein seiner hätte gedenken sollen, wie ich ihn wiederfände und aus seinem Kummer um mich befreite. So bist du jetzt betrogen, sagt’ ich mir, dieweil du eitlem Glück nachgelaufen bist und hast die ächte Treue nicht genugsam geschätzet. Und wiederum dacht’ ich: wenn du ihn gefunden haben wirst und bekennest ihm das Glück, so du verloren, und das Leid, so du gewonnen hast: dann wird’s dir leichter zu tragen sein; du wirst wiederum einen guten Muth und Freudigkeit gewinnen, wenn seine Liebe und sein Lob dich anspornt.

So faßt’ ich denn nichts Anderes zu Sinne, als Herrn Bruno zu erkunden, wo er weilte, auf daß ich ihn heimsuchte und er meine Losgebung aus dem klösterlichen Stande erführe. Ich nahm Urlaub von Speyer und zog zuvörderst gen Schwaben, daselbst das mir zugetheilte Erbgut einzunehmen; ich verblieb da nur kleine Zeit, richtete die nöthigen Sachen aus nach erfahrener Leute Rath, wie es während meinem Abwesen gehalten werden sollte, und setzte auch Klingsohr und seinen Gesellen in ein Leibgedinge, so lange sie lebten, wofern sie des seßhaften Lebens anstatt des schweifenden sich annehmen wollten, worein, wie es schien, der Tannhäuser mit Freuden willigte, aber der Magus nicht so völlig.

Als ich solchermaßen meine Sachen beschickt hatte, richtete ich mein Angesicht stracks gen Mittag, nach Welschland zu ziehen. Da führte mich mein Weg über Gebirg und Thal, auf felsigten Pfaden an steilen Klippen vorbei und durch dunkle Wälder, grüne Auen und fruchtbares Gelände; ich kam in manche volkreiche