»Weil draußen die Wasser der Sintfluth allum es bedrohten«, gab ich zur Antwort.
»Wohlan, Diether«, sagt’ er eifrig darauf. »Was ist die Welt anders, als ein tiefes Meer des Verderbens, gleich gefährlich, ob’s den blauen Himmel spiegelt oder schäumt und braust, voll Untreue, Gewalt und Tücken? Und was hat Dein Abt anders gethan, als Dich hinausgescheucht wie einen Vogel, der nicht schwimmen kann, auf die weite See?«
»Ihr seht wohl«, sagt’ ich bescheiden, »von Eurer Klause die Welt zu ungünstig an und urtheilet zu hart über sie, weil Ihr sie nicht genugsam kennet in Eurer Abgeschiedenheit.«
»Hoho!« rief er, bitter lachend, »ich kenne sie nicht? Ich kenne sie nicht?« und sah in’s Feuer, als könnt’ ihm das gar etwas Anderes bezeugen. – »Du hast ihr Wesen wohl heut’ schon lieb gewonnen beim ersten Ausflug?« wandt’ er sich dann fragend an mich, »fühlst Dich schon wohl darin?«
»Ich weiß darauf nicht zu antworten«, erwiedert’ ich, »aber Ihr thut, dünkt mich, zu viel, wenn Ihr die Welt schlecht nur der Untreue zeihet. Ich hab’ wohl befunden von ungefähr, daß sie auch der Treue die Probe hält.« Und so erzählt’ ich ihm mit Wärme, was ich von den armen Köhlerleuten heute gesehen hatte und wie sie durch ihre treue Liebe gegen einander so glücklich wären in aller Dürftigkeit. »Die hegen«, schloß ich, »gewiß kein Falsch gegen einander.«
»Weißt Du das für gewiß?« fragt’ er wieder. »Hat ihre Treue schon die letzte Versuchung bestanden? Wenn die Noth bis zu Hunger und Blöße steigt; wenn Siechthum und Jammer Heimrecht gewonnen haben bei ihnen, wenn ihre Ehe zur klirrenden Kette geworden ist, welche ohne Hoffen Mann und Weib an die Marterbank des gemeinsamen Elends schmiedet und wenn die Kinder vergeblich Brot heischen, für Vater und Mutter unablässige Mahner ihrer Noth und Mehrer derselben: dann siehe zu, ob Ungeduld, Mißtrauen, Überdruß, die Unholde, der Lieb’ und Treue noch nicht das letzte Herzblut ausgesogen haben. Ja, wenn dann noch Mann und Weib sich zum Trost da sind, die Kinder
den Eltern zum Labsal der Liebe, zu Dank und Gehorsam, – dann magst Du sagen, sie haben Treue gehalten. Und bis dahin, und wenn sie noch alsdann und immerdar sie hielten«, fuhr er ergriffen fort, »wird sie ihnen doch zehn Tropfen Bitterniß einschenken neben einem Tröpflein Süße. Denn wo eine Quelle ist, daraus dem Menschen reine Wonne zufließen könnte, da leidet solches der Welt Lauf nicht und wirft Gift hinein. Vielleicht brennt Junker Schlapphahn schon morgen die Hütte nieder, bloß zur Kurzweil und aus Ärger, daß ihm ein Fang entgangen ist. Dann wird den Mann nicht sein eignes, aber seines Weibes und seiner Kinder Elend unglücklich machen, und das um so mehr, je treuer er sie liebt.«
Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wollt’ er sich der Erregung, mit der er gesprochen hatte, entledigen. Darauf fügt’ er ruhiger hinzu: »Diether, ich bleib’ dabei, Dein Abt ist ein Unweiser, daß er Dich so unbesorgt in die Welt gesandt hat.«
»Aber«, warf ich munter ein, »Brun, laßt die Welt so bös sein, wie sie mag. Was gilt mir das, der ich in ihr weder streiten, noch arbeiten, noch freien, noch ihres Theils sein will in keinerlei Weise, auch im Geringsten nicht ein Verlangen danach trage, als der ich dem Kloster von Kind an verlobt bin.«
Da sah er mich ernst, fast schwermüthig an und sagte: »Diether, hör’ nur zu! Wodurch die Welt die Leute schlimm macht und gottlos und unglücklich, das wohnet inwendig in eines jeglichen Menschen Herzen. Da schläft es und regt sich nicht, und er weiß nichts davon, bis die Welt es aufweckt und stärkt. Sie thut