Bruno hat Tage und Nächte nach ihr gesucht, gerufen, geweint; aber nur die Felsenwände hallten ihren Namen zurück. Er hat sie nie wieder gesehen, noch erfahren, ob die Beiden in der Einöde des Gebirgs verschmachtet oder den wilden Thieren des Waldes zum Raub geworden sind, oder ob die Mutter sich und ihrem Kinde eine Ruhstatt gefunden hat. Da hat auch Bruno seinen Namen erlöschen lassen im Gedächtniß der Menschen und für sein Theil erkannt, sich ganz zu Gott zu gesinden und sein Herz zur Buße zu kehren, daß er der Hölle im Tode entfliehen möchte.
Die Höhle aber nieden St. Wigbert’s Kirchlein mit der Klause, darin jetzt ich hause, Diether, die ist’s, darin sich zutrug, was ich Dir erzählte, und hier auf dem Gestein, da wir sitzen, sah Bruno sein Weib zum letzten Mal mit der Gebärde des Grauens vor ihm und des Flehens um Erbarmen zu Gott für ihr Kind. Und der Ring, den Du fandest, ist Joconda’s; sie hat ihn hier von sich gethan, das Siegel und Zeichen ihrer schuldvollen Gemeinschaft. –
Und nun weißt Du, Diether, warum ich Dich bat, der armen Seele vor Gott zu gedenken, von der Du sagtest, da Du den Reif erblicktest und das Thierlein daneben.«
Allhier endet die von Brun erzählte Geschichte.
»Gnade der milde Christ nach seiner Gütigkeit denen Allen, so in Unglück gerathen sind – und uns!« sagt’ ich, und gar sehr war ich bewegt im Herzen von der Geschichte, die ich gehört hatte.
Wohl trieb’s mich, noch ferner mit Brun davon zu reden, und von Bruno, was denn aus ihm geworden, ob er noch lebe und wo er weile. Aber ich ersah, der Alte wollte ungefragt sein, denn er stund auf und sagte: »Auf, Diether! – Schon ist Mitternacht vorüber, denn sieh, der Mond neigt sich auf seiner Bahn dort den Bergen zu. Kühl hat sich der Nachtwind aufgemacht und der Thau fällt stark. Lang’ schon solltest Du, junger Knabe, unter Dach geborgen sein.«
Und so stieg er mir voran den Bergeshang abwärts. Wie wir schweigend giengen und über uns die Wipfel der Tannen rauschten, bald lauter, bald leiser und sich gegen einander bogen, und unter uns die Wellen brausten, jetzt heller klingend, jetzt dumpfer murmelnd, war mir’s, als erzählten auch sie sich in der Sommernacht die traurige Mär’ von dem ewigen Geheimniß des Menschenherzens, das wähnet, das Paradies zu gewinnen, und die Schmerzen der Hölle sich bereitet.
Bald lag ich auf meinem Lager drinnen in der Klause. Ich weiß nicht, wie mir da geschah und ob ich schon eingeschlafen war oder just die Augen zum Schlummer sich senkten: ich sah Brun nahe bei mir stehen und unverwandt mich betrachten.
Zuweilen beugte er sich hernieder und bewegte seine Hand, mich zu berühren. Dann wich er wieder ein wenig zurück, als scheute er sich zu thun, wozu doch sein Sinn ihn zog, oder er fürchtete, ich möchte erschreckt werden und erwachen. Nach einer Weile ließ er ab von diesem Streit. Aber eine größere Unruhe schien in seiner Seele sich anzuheben. Es war, als ob mein Anblick davon die Ursache wäre. Er sah
noch einmal lang’ nach mir hin, schauderte dann jählings zusammen und sank in seinen Sitz nieder, sein Angesicht von mir gewendet und mit beiden Händen verhüllend.