Aber der ritterliche Zug und was ich von ihm erkundet hatte, das kam mir auf meinem Heimwege nicht aus dem Sinn. Wieder waren meine Gedanken nach Speyer gelenkt, wo ich um diese Zeit auch weilen sollte, wenn ich nicht von den Elzeburgern mich losgerissen hätte, und ich fragte mich, ob Irmela wohl schon allda wäre mit ihrem Ohm oder ihr diese hochzeitliche Fahrt gälte. Schalt ich mich dann wegen solchen Fragens, das mir doch zu nichts diente als zur Mehrung meines unruhigen Muthes, so half solche Scheltung nichts. Denn immer wieder sah ich vor mir die Ritter und Mannen und plagte mich mit der Frage: »Ist’s Irmela, der sie entgegen ziehen?« –
So war denn mein Zweifel und meine Unruhe groß, da ich spät gen Maulbronn zurückgelangt war, und vor Herzensschwere und Widerstreit in meiner Seele durchwachte ich diese ganze Nacht. Ich erfand in mir die heftigste Lust, noch einmal mich aufzumachen und unter dem Volke das Fest mit zu schauen, ob ich da die Elzeburgerin sehen möchte, vielleicht als die, der zu Ehren all’ diese herrliche Pracht gezeigt ward. Und ich sagte mir, daß es ja nichts Arges wäre, das mich triebe, der Gelegenheit zu brauchen, das Mägdlein unvermerkt
wieder zu sehen, ja, daß freilich das Gegentheil verwunderlich sein würde, und Zeichen eines blöden Sinnes; ich fand auch, daß jenes Thal mit der ragenden Burg noch einmal zu erschauen und dann das ritterliche Fest, mir weidlich am Bilde zum Guten gedeihen würde. Hatte mich doch der Abt selber dahin gewiesen, draußen zu suchen und mich umzuschauen, wie ich dem neuen Bilde am besten rathen könnte. Wenn mich aber so mein Sehnen schuldlos däuchte und daß es nicht noth wäre, meinem dahin gerichteten Gemüthe zu wehren, so warnte mich alsdann eine andere Stimme in meinem Herzen gar ernstlich, als wär’ es doch nur eine Versuchung, die mich hinauslockte, um mich in Schaden und Unseligkeit zu stürzen.
Und eine Bangigkeit kam über mich, als ob es mir übel gerathen würde, so ich hinzöge. Als es aber lichtmorgen worden war und ich im Klostergarten der würzigen Luft genoß, da schöpfte meine Brust auch, däuchte mich, wieder frischen Lebensmuth, und es schien mir, die ruhelose Nacht hätte mich furchtsam gemacht, und ich sah nichts Schlimmes in meinem Wunsche.
Zwar an jenem Tage that ich ihm noch nicht Genüge. Sondern, wie sie mir in der Erinnerung lebte, zeichnete ich die Gegend, die ich gestern mir zum Bilde auserwählt, mit allem Fleiß, und auch die heiligen Wallfahrer mit ihrem Troß entwarf ich auf der Stelle, wo mir der festliche Zug erschienen war. Unmüßig war ich den ganzen Tag, daß ich morgen die Versäumniß mir desto weniger zum Vorwurf zu nehmen brauchte. Was ich dann an auserlesener Pracht und zierlichem Schmuck beim Feste sehen möchte, das wollt’ ich mir wohl in
der Erinnerung bewahren und für’s Bild verwenden. Denn nur einen halben Tag gedacht’ ich aus zu sein und den nächsten wieder im Kloster meiner stillen Arbeit obzuliegen. Je fester nun so mein Wille sich dahin kehrte, die Spiele mit anzusehen, die der Braut zu Ehren sollten gefeiert werden, und mich des Dinges weiter zu erkunden, und je mehr ich dabei Irmela’s gedachte, ob und wie ich sie wohl wiederfinden würde, desto heiterer schien mir die Fahrt, die ich vorhatte, als wär’ ich auch zum Feste geladen, und mich däuchte, wenn ich zu Roß da hinauf zöge, so hätt’ ich das auf Elzeburg also erlernet, daß ich keinem der Herren zur Schande da sein würde.
In solchem Muthe machte ich mich denn Tags darauf, noch ehe man Mittags zur Speisung im Refectorio zusammenkam, von dannen. Dem Pförtner sagt’ ich, meiner Kunst zu Dienst müßt’ ich aus sein und am Abend würd’ ich wiederkehren. Daß mir solche Freiheit verstattet war, mehr als den Brüdern, deß waren sie gewohnt im Convent, und so ward ich auch heute nicht weiter gefragt und schritt ungehindert durch die geöffnete Pforte.
Draußen in einem der letzten Häuser, die um’s Kloster gebaut sind, wohnten alte Leute, die der Abtei hörig waren. Es war ein Ehepaar, Mann und Weib wohlbetagt. Ihnen gieng ich nie vorbei, ohne einzutreten in ihre Hütte oder wenigstens durch’s Fenster sie zu grüßen. Es geschah immer zu ihrer großen Freude; denn in meinen jungen Kinderjahren war ich in ihrer Pflege gewesen, und noch immer hegten sie eine sonderliche Liebe zu mir. Bei ihnen hatt’ ich, da ich von Brun wiederkam, das köstliche von Irmela mir geschenkte
Kleid niedergelegt. Denn Brun zwar, der mir einen klösterlichen Rock angezogen hatte, dem ähnlich, den ich sonst zu tragen gewohnt war, wollte, daß ich das zierliche Gewand bei ihm für immer zurückließe. Aber da ich wünschte, es zu behalten, weil mir zu meiner Malkunst solch’ auserwähltes Kleid leicht noch nütze werden könnte, so willigte er ein und ich trug’s im wohlverhüllten Bündlein mit mir. Niemand hätte mir wehren können, es mit mir in’s Kloster zu nehmen und mit dem anderen Geräth und den Kleinoden meiner Kunst zu bewahren, aber ich hatt’ es doch für viel gerathener gehalten, um alles Verdachts desto lediger zu bleiben, es nicht allsogleich mit hinein zu bringen. Und so hatt’ ich Irmela’s Gabe bei den Alten in Verwahrung gethan.
Zu ihnen gieng ich denn hinein, und gerne gaben sie mir, wie ich’s heischte und unversehrt, das wohlverwahrte Kleid zurück. »Mir ist’s bestimmt zu tragen«, dacht’ ich. »Zwar die Kunst, mit der ich mir’s verdient zum Lohn, gedenk’ ich nicht mehr zu üben; aber wenn je, so mag es mir noch einmal dienen heute auf dieser Fahrt. Ist ihr Ziel heimlich, so sichert mir wohl dies Kleid, wenn’s Noth ist, meine Heimlichkeit.«