Darauf kam die Antwort:

»Wie Dir sein Kleid auch wohlgerieth:
Ihm liebt nicht mehr, Gesell, Dein Lied.
Drum fort, daß er uns nicht ersieht!«

Geschwind hatt’ ich mich bei dieser Wechselrede, deren Sinn mir nur allzuverständlich war, umgewandt; aber gar eilig befolgte das ungleiche Paar den Rath des Kleinen, und nur noch einen kurzen Augenblick sah ich die Beiden, wie sie sich mit Ungestüm durch die Menge hindurch drängten, in der sie sogleich darauf verschwunden waren. Da mußt’ ich bei mir lachen, daß hier Jemand vor mir die Flucht gab, dem doch selber nichts mehr Noth that, als unbemerkt zu bleiben

und unerkannt. Und so gedacht’ ich hinfort fürsichtiger zu sein und mich sorglicher unter dem Haufen verborgen zu halten.

Aber da geschah es, daß, mir zum Wenigsten ganz unerwartet, drüben um die Gezelte eine Bewegung nicht kleine entstund und Diener in bunten Röcken unterschiedlicher Farben, wie die Sitte ist bei solchen Festen der Ritterschaft, hervorsprengten und mit Stäben, die sie in Händen schwangen, die umherstehenden Leute zurücktrieben, daß vor uns der ganze Platz frei würde. Wie nun von den also Bedrängten der Eine hier und der Andre dahin lief, und ich, des Dinges ungewohnt, zuerst nicht wußte, wohin ich mich wenden sollte und hernach öftermalen immer wieder an einen Wärtel gerieth, der mich dann mit Schelten zurücktrieb, so fiengen die Leute an über dies Spiel zu lachen, was mich noch mehr verwirrte, so daß ich endlich gar nicht mehr durch die Vordersten durchbrechen konnte und Allen sichtbar vorn unter den Ersten stehen bleiben mußte.

Doch im nächsten Augenblick waren Aller Augen nur vor sich nach den Zelten gerichtet, sich nichts entgehen zu lassen, was da vorgieng. Da traten zuerst die zween Wappenherolde hervor, die ich schon unten im Thale gesehen hatte, stellten sich an den Eingang des einen sonderlich geschmückten Zeltes, richteten ihre Banner auf, setzten ihre Hörner an den Mund und ließen die ertönen, daß es ringsum aus dem Wald und trüben von den Bergen wiederhallte. Da ward Alles still, und heraus traten aus demselben Gezelt der Bischof Gebhardus Spirensis, auf dessen Ornat ein Kreuz mit Edelsteinen funkelte, das da an güldner Kette ihm an der Brust befestigt war, und ihm zur

Seite ein junger Ritter, stolzen und strengen Aussehns, über dessen Schulter nach fränkischem Schnitt an seidnen Schnüren ein Mantel hieng von Sammet und köstlichem Zobel. Dieser Ritter, so hört’ ich, war Gebhard’s Neffe, reich an Gütern und aus fürstlichem Hause; ihm hätte der Ohm selber die Braut geworben, die jetzt gen Speyer geleitet würde, und Wunder hörte man von dem Mahlschatz sagen, der ihr bestimmt wäre.

Während dem schritten die Beiden, die Herolde voran und in ihrem Gefolge Herren und Junker und dem Zuge zur Seite Knechte mit Hellebarden oder gezogenen Schwertern, einem gegenüber aufgeschlagenen Zelte zu. Allda machten sie Halt und zween Edelknaben giengen hinein. Alsbald stießen die beiden Herolde wiederum in ihre Hörner, daß es laut erscholl. Da wurden die Zeltvorhänge zurückgeschlagen und heraus ward die Braut geführt; ihr folgten Dienerinnen. O, ich erkannte sie wohl und Den, der sie an der Hand führte, ob auch gleich, seitdem ich sie zuletzt gesehen, eine große Veränderung mit ihr vorgegangen war! Ihre Schönheit, däuchte mich, war strahlender geworden: nicht Dank der Pracht, welche die Maid da trug; denn Wer mochte noch dem seidenen Gewande mit den gestickten Borten, dem edlen Gesteine am purpurnen Gürtel und dem sonstigen Geschmuck einen Blick gönnen, wenn er nur einmal dies Angesicht geschaut hatte, das da vom Schleier umwallt leuchtete, wie wenn Lilien und Rosen zusammenstehen. Sondern was nach meinem Wähnen ihrer Schönheit zur Erhöhung diente, war, daß sie all’ der Zier, mit der man sie heute sah, nicht zu begehren noch zu bedürfen schien, und daß sie auf die Herrlichkeit, die sie hier umgab, kein größeres

Aufmerken hinkehrte, wie mich däuchte, als damals auf ihre einfache Tracht, in der ich sie in Elzeburg zu sehen gewohnt gewesen war. Und dies eben schien mir als eine Veränderung in ihrer Seele, daß sie an der gegenwärtigen Pracht keinen größeren Antheil nahm, die doch, als ich wähnte, vor wenigen Wochen über den geringsten Theil dieser Augenweide der kindlichen Freude viel gezeigt hätte.

Als die Maid hervortrat, neigte sich vor ihr Ritter Conrad mit zierlichem Gruß, den sie mit Züchten erwiederte, wie sie auch mit Ehrerbietung vor den Bischof trat. Da ward von allen Seiten ein freundlich Grüßen gethan. Darnach trat der Bischof der Braut zur Seite, sie zu geleiten, als der die größte Ehre an diesem Tage gebührte, und zu ihrem Ohm Eberhard gesellte sich der Bräutigam. Hernach folgten die Andern in ihrer Ordnung. So begaben sie sich allsammt nach dem Sommerzelt, das am Nußbaum ausgespannt war, wo auf den Sesseln Irmela in der Mitte und ihr zu beiden Seiten der Bischof und der Graf sich niederließen. Hinter sie stellte sich Conrad und sonst zween oder drei der Edelsten aus Gebhard’s Gefolge. Die Andern alle, Ritter, Junker und Knechte, ordneten sich, ein Jeglicher, wie ihm gebührte, diesen Herrschaften zur Rechten und zur Linken.