„Halloh!“ rief Abaellino: „ich habe Lust zu rasen, macht euch gefaßt!“ und in einen Klumpen stürzte er zusammen, warf den Riesen Matteo über sich hin, wie eine Puppe, schleuderte den Baluzzo rechts, den Petrini links, kehrte dem Thomas das oberst zu unterst, und strekte den Struzza unter die Bänke.
Drei Minuten lagen die Ueberwundnen ohne sich zu regen am Erdboden umher, und Abaellino jauchzte und die bestürzte Molla zitterte bei dem schreklichen Schauspiel.
„Beim heiligen Klas! rief Matteo und rieb sich die mürben Schenkel: der ist unser Meister! Molla, dem Kerl ein gutes Nachtlager!“
„„Er hat mit dem Teufel einen Bund!““ murmelte Thomas, und renkte die verschobne Gelenke in ihre Fugen.
Niemand war nach einem neuen Probestük lüstern; spät wars in der Nacht, oder vielmehr, es graute der Morgen schon über das Meer empor und jeder begab sich in sein Schlafgemach.
Viertes Kapitel.
Banditenphilosophie.
Abaellino, dieser furchtbare Riese, konnte nicht lange, ohne sich eine unbegränzte Hochachtung von allen seinen Spiesgesellen zu erwerben, in der Mitte dieser Leute leben. Jeder liebte, jeder schäzte ihn, wegen seiner Banditentalente, wozu nicht allein die ungeheure Kraft seines Körpers, sondern auch seine Klugheit, sein Wiz zu dummen Streichen gehörte. Auch die kleine Molla hätte ihn wohl geliebt, aber — er war gar zu häslich.
Matteo war, wie Abaellino nun bald erfuhr, der Herr dieser gefährlichen Bande. Er war ein raffinirender Bösewicht, unerschrokken vor jeder Gefahr, wizzig und schlau und gewissenloser, als ein französischer Finanzpächter. Er empfing die Beute und die Bezahlung, welche seine Untergebnen täglich einbrachten, gab davon jedem sein Theil und behielt für sich selbst nie mehr, als jeder andre bekam. Die Zahl derer, welche er schon in die andre Welt befördert hatte, war schon zu gros, als daß er sie angeben konnte. Sein größtes Vergnügen war, in einsamen Stunden diese Mordgeschichten zu erzählen, um durch sein Beispiel die andern zu begeistern. Er hatte seine besondre Rüstkammer; hier fand man Dolche von verschiednen Gestalten, mit und ohne Widerhaken, breit, zwei- drei- und vierschneidig. Hier fand man Windbüchsen, Terzerole, Pistolen gros und klein; Gifte verschiedner Art und verschiedner Wirkung; Kleider zu allen möglichen Verkappungen; Mönchs- Juden- Taglöhner- Senatoren- Soldaten- Bettlertrachten.
Eines Tages rief er den Abaellino zu sich. „Höre, sagte er: Du wirst ein braver Kerl werden, das seh ich voraus. Fange nun auch an, das Brod, was wir dir geben, selber zu verdienen. — Hier hast du einen Dolch vom feinsten Stahl; du läßt dir jeden Zoll daran bezahlen. Stichst du nur einen Zoll tief in das Fleisch deines Gegners, so foderst du von dem, der dich besoldete, eine Guinee. Zwei Zoll, zehn Guineen; drei Zoll zwanzig, der ganze Dolch so viel du selber willst — das ist so die Taxe. Hier hast du einen gläsernen Dolch; an ihn hängt der unfehlbare Tod dessen, dem er ins Fleisch gestossen wird — kaum ist der Stich geschehn, so brichst du ihn in der Wunde ab, das Fleisch schließt sich über die abgebrochne Spizze zusammen, die bis zum Auferstehungstage darin ihr Quartier behält. — Hier dieser metallne Dolch bewahrt in seiner Höhlung ein subtiles Gift; stoß ihn, wem du willst, in den Leib, drükke hart an diese Feder, und du sprüzzest in eben den Augenblik den Tod in die Adern des Verwundeten. — Nimm die Dolche, ich gebe sie dir zum Geschenk, ein Kapital, das goldne, schwere Zinsen trägt!“
Abaellino nahm die Mordinstrumente mit einem leisen Schauer in die Hand. —