Abaellino lächelte.
„„Sagst du, wir treiben ein ehrloses Gewerbe? was ist Ehre? ein Wort, ein leerer Schall und ein leeres Hirngespinnst. Der Knikker sagt: Ehre ist es reich zu sein, und die Goldstükke zu Tausenden zählen zu können. Ehre, sagt der Wollüstling, ist es von jedem Mädchen angebetet zu werden und jedes schöne Weib zu besiegen. Nein, sagt der Feldherr, Städte zu erobern, Armeen zu schlagen, Dörfer zu verheeren, das bringt Ehre. Der Gelehrte sezt seinen Ruhm in die Menge der Folianten die er geschrieben, oder gelesen hat; der Kesselflikker in die Kunst Scherben wieder genau zusammen zu kitten; die Nonne in der großen Zahl ihrer Andachtsübungen; die Weltdame in die Menge ihrer Vergötterer; die Republik in die Größe ihrer Provinzen und so, Freundchen, sezt jeder seine Ehren in etwas anders. Warum ist es ehrlos, wenn wir uns in unsrer Kunst Glanz und Vollkommenheit erringen.““
„Schade, an dir verliert der Lehrstuhl einen braven Philosophen.“
„„Meinst du? sieh nur Abaellino, ich bin im Kloster erzogen; mein Vater war ein Prälat in Lukka, meine Mutter eine keusche Nonne vom Orden der Urselinerinnen. Da hab ich studieren sollen, mein Vater wollte mich zu einem Kirchenlicht machen, aber ich fühlte mich zu einer Mordbrennerfakkel tauglicher. Als ich bei dem alten Pater Hieronimus die Moral studierte, sagte er mir oft, Selbstliebe sei das große Triebrad aller menschlichen Handlungen, das Urprincip jeder Sittenlehre. Hieronimus hatte Recht. Gott schuf aus Selbstliebe das unermeßliche Universum, um sich selber zu verherrlichen, und verherrlicht zu sehn; jedes Thier handelt den Naturgesezzen gemäs, nach dem ehrwürdigen Grundsaz der Selbstliebe — jeder Mensch ordnet seine Thaten diesem großen Gesez unter, und wer hat nun wider die Sittlichkeit unsers Geschäfts etwas einzuwenden, da wir eben dem Gesez gehorchen, dem das Universum Gehorsam leistet? — Mit einem Worte, zittre nicht vor den Selbstgespinnsten deiner Einbildungskraft!““
Fünftes Kapitel.
Die Einsamkeit.
Schon über sechs Wochen war Abaellino in Venedig, aber noch hatte er von seinen Dolchen keinen Gebrauch machen können oder wollen. Denn theils war er in den Straßen, Schlupfwinkeln, Pallästen und Kajütten Venedigs zu unbekannt, theils fehlten ihm auch noch Kunden, deren mörderische Aufträge er hätte executiren können.
Diese Geschäftlosigkeit ekelte ihm, er wollte handeln und konnte nicht.
Melancholisch schlich er umher, und seufzte. Er besuchte die öffentlichen Pläzze Venedigs, die Wirthshäuser, Garten- und Lustpläzze, aber nirgends fand er, was er suchte — Ruhe.
An einem Abend hatte er sich in einem Garten verspätet, der auf einer niedlichen Insel Venedigs gelegen war. Er schlich von Laube zu Laube, sezte sich am Ufer des Meeres nieder und sah dem Spiel der Wellen im Schein des Mondes zu.
„So ein schöner Abend wars vor zwei Jahren, da ich Emmoinen den ersten Kuß raubte, und Emmoine mir Liebe schwor!“ seufzte er, und schwieg und wehmüthige Empfindungen stiegen in ihm auf.