Es war so stille. Kein Lüftchen bog die Hälmchen des Grases; aber in Abaellinos Busen stürmte es.
„Hätt’ ich es vor zwei Jahren träumen können, daß ich einmahl in Venedig als Bandit meine Rolle spielen würde? O wo sind die goldnen Hofnungen, die lieblichen Pläne, welche meine Jugend umgaukelten? — Ich bin ein Bandit, noch weniger, als ein Bettler! —“
„Wenn mein grauer Vater oft im Enthusiasmus mich umschlang und rief: Sohn, du wirst den Namen Obizzo glänzend machen! Gott, wie bebte ich da, was dacht ich, was empfand ich, was wollt’ da nicht alles! und der Vater ist tod, und sein Sohn — — ein venetianischer Bandit! — wenn meine Lehrer mich bewunderten und liebkoseten, und sie entzükt mir zuriefen: Graf, ihr verewiget einst das alte Geschlecht von Obizzo! ha, was versprach ich mir da nicht in seliger Trunkenheit von der Zukunft! — Als mich Emmoinna von einer schönen That zu sich heimkehren sah, und sie die Arme mir entgegenstrekte und mich an ihren Busen schlos und mir ins Ohr lispelte: wer sollte den großen Obizzo nicht lieben, — — oh, oh! hinweg ihr Bilder der Vergangenheit, euer Erscheinen führt zum Wahnsinn!“
Er schwieg, bis die Lippen zusammen, hielt die flache Hand vor die Stirn und krallte die andre zusammen.
„Ein Meuchelmörder, ein Diener der Niederträchtigkeit und Büberei, einer der größten Schurken, den die venetianische Sonne bescheint ist — der große Obizzo! — pfui! — und doch hat mich das Schiksal selber zu diesem unseligen Loose verdammt. —“
Plözlich sprang er nach einem langen Stillschweigen auf, sein Auge funkelte, seine Miene verwandelte sich, sein Odem flog lauter.
„Ja, beim Himmel, ja, gros konnt’ ich als Graf Obizzo nicht sein, aber wer wehrt mirs, gros, als Bandit, zu werden? — Vater, mein Vater!“ rief er und sank von ungewöhnlichen Gefühlen bestürmt nieder auf die Kniee, und strekte die Finger empor zum Himmel, als zu einem Eide:
„Geist meines Vaters, Geist meiner Emmoina, ich will eurer nicht unwerth sein! hört mich, wenn ihr mich umschweben dürfet, hört mich, ich will auch als Bandit meinen Ursprung nicht verläugnen, eure Hofnungen, mit denen ihr aus dieser Welt schiedet, nicht vernichten — o, so wahr ich lebe, ich will der einzige meiner elenden Zunft sein und werden, und die Nachwelt soll den Namen verehren, den ich verherrlichen kann. —“
Er berührte mit seiner Stirn den Erdboden und weinte. Die Zweige lispelten leise im Abendwinde um ihn her, leise lispelten die Gebüsche und das dunkle Schilf am Gestade.
Länger als eine Viertelstunde verharrte er in dieser Situazion. Große Gedanken flogen vor seinem Geiste vorüber; über ungeheuern Plänen schwindelte er und er sprang auf sie zu realisiren.