Rosamunde gieng hier die breiten, sandigen Wege auf und nieder, tief in Betrachtungen verloren. Sie rupfte die unschuldigen Blätter von den Hekken ab, und streute sie gedankenlos vor sich hin; blieb zuweilen plözlich stehn, gieng dann wieder einige Schritte vor, blieb wieder stehn, sah bald den blauen Himmel, bald die Erde an: zuweilen schwoll ihr schöner Busen stürmisch empor, zuweilen flog ein halbunterdrükter Seufzer über ihre kleinen Lippen. —
„Aber er ist doch schön!“ sprach sie leise, und starrte schmachtend vor sich hin, als sähe ihr Auge ein Etwas, das gewöhnlichen Blikken verschleiert ist.
„Doch Iduella hat auch Recht!“ fuhr sie dann wieder fort, und sah böse aus, als wenn Iduella Unrecht gehabt hätte.
Diese Iduella war ihre Gouvernantin Freundin und Vertraute, eine der würdigsten Damen ihres Geschlechts. Rosamunde hatte nämlich ihre Eltern früh verloren. Die Mutter starb, da Rosamunde kaum den Mutternamen lallen konnte, und ihr Vater Guiscardo von Korfu, Kommandeur eines venetianischen Schiffes, war vor acht Jahren mit seinem Schiffe in einem Seetreffen wider die Türken untergegangen, da er noch ein Mann in den besten Jahren war. Iduella wurde nun die Erzieherin und Mutter Rosamundens, und nun Freundin und Vertraute ihrer kleinen Geheimnisse.
Indem nun Rosamunde noch mit sich selber plauderte, trat die ehrwürdige Iduella aus einem Seitengang hervor.
Rosamunde. (bestürzt) Bist du auch hier?
Iduella. (sanftlächelnd) Nun ja, du nennst mich ja gewöhnlich deinen Schuzgeist, und Schuzgeister müssen nie von ihren Lieblingen fern sein.
Rosamunde. Höre, Iduella, ich habe deine Reden überdacht, und gefunden, daß sie zwar richtig und sehr weise gesprochen sind, allein — —
Iduella. Was deine Vernunft bejaht, verneint dein Herz?
Rosamunde. Gewis.