Ich darfs gewiß meinen Lesern nicht erst erzälen, daß Venedig ob dieser Frechheit ausser sich war. Nie hatte noch ein Mensch so etwas gewagt, nie einer so voll stolzen Uibermuthes der berühmten Polizei Venedigs und der Gewalt des Dogen gespottet. Alles gerieth in Bewegung, die Patrouillen wurden verdoppelt, die Wachen verstärkt, die Sbirren umhergesandt, und niemand sah und hörte und spürte etwas von dem Abaellino.
Die Pfaffen predigten von dem stolzen Verbrecher, und riefen die schlummernde Rache Gottes auf, solchen Greuel zu rügen. Die Damen zitterten vor dem Namen Abaellino’s, denn wer konnte ihnen dafür stehn, daß er sie nicht, wie ehmals Rosamunden, zu seiner Braut einweihte. Die alten Mütterchen behaupteten fest, Abaellino hab sich dem Teufel verkauft und mit dessen Beistand spotte er der gerechten Wuth aller frommen Venetianer. Kardinal Grimaldi, Parozzi und seine Gesellen waren stolz auf diesen furchtbaren Bundesgenossen, und pochten jezt schon lauter und sahen eine Zukunft voller Triumphe. Die verwaiste Familie des ermordeten Sylvio rief Fluch herab auf den Mörder, und jede Thräne, welche sie verweinte, wünschten sie in ein Schwefelmeer verwandeln zu können, worinn sie den Abaellino hinabstürzen könnten. Der Doge und seine Getreuen betrauerten lange ihren verlornen Freund und schwuren nicht eher zu rasten, bis sie den heillosen Verbrecher ertappt, und schreklich bestraft haben würden.
„Aber bei alle dem, sagte Andreas Gritti: bei alle dem muß ich dennoch gestehn, der Abaellino ist ein seltner Mensch, der, wenn er vielleicht an der Spizze eines Heers stände, die halbe Welt erobern würde. Ich möchte wenigstens den Mann nur einmal sehen!
Ich will deinen Wunsch erfüllen! sagte eines Abends, da Gritti allein in dem Garten seiner Familie auf und niederwandelte, ein unbekannter Mensch zu ihm: Ich will deinen Wunsch erfüllen. Sieh hier den Abaellino, den Freund des erschlagnen Sylvio und deinen und der Republik allgetreusten Diener! —“
Gritti sah auf und bebte zurük. Eine, halb in ihren Mantel vermummte Gestalt, mit dem scheuslichsten Angesicht von der Welt, stand vor ihm und röchelte ihm diese Worte zu. Er, der in den Feld- und Seeschlachten nie gezittert, und von keiner Gefahr aus seiner Gleichmüthigkeit gestört war, er, der tapfre Doge verlor in diesem Augenblik auf einige Minuten seine Geistesgegenwart. Sprachlos starrte er den Banditen an, der furchtlos vor ihm da stand, und nicht von der Majestät des Ersten in Venedig gerührt wurde.
Abaellino grinste ihn freundlich an.
„Du bist ein fürchterlicher — ein abscheulicher Mensch!“ sprach Gritti indem er sich wieder sammelte.
„Fürchterlich?“ entgegnete der Bandit: „das freut mich! — Abscheulich? das möcht ich nicht sagen. Freilich mein Aushängeschild zeugt von einem abscheulichen Handwerke, aber Doge, was meinst du? vielleicht sind wir beide die größten Männer Venedigs, du in deiner, ich in meiner Art!“
Der Doge lächelte unwillig.
„O!“ fuhr Abaellino fort: „lächle nicht so ungläubig. Erlaub es immerhin, daß ich mich, als Bandit, mit einem Dogen vergleiche; ich denke immer, man darf sich mit dem vergleichen, mit wem man sich messen darf! —“