„Ich bin nicht Abaellino, nicht Flodoard von Florenz,“ sprach er sanft lächelnd: „ich bin der vertriebne Graf Obizzo von Neapel. Ich kam hieher als ein Bettler; Banditen nahmen mich in ihren Bund auf, und ich ergrif mit Freuden ihr unseeliges Gewerbe, theils um Venedig von dieser Menschenklasse selber zu reinigen, theils um auch diejenigen Buben kennen zu lernen, in deren Solde diese Meuchelmörder standen. Ich überlieferte euch die Banditen, und ihren Anführer ermordete ich vor Rosamunden mit eigner Hand. Ich war in Venedig der einzige Bandit; an mich mußten sich alle Schurken wenden; ich lernte sie und ihre Pläne kennen und ihr kennt sie jezt auch. Sylvio, Kanari und Dandoli sollten hingerichtet werden — wollten diese Männer nicht durch die Dolche andrer fallen: so mußten sie mit mir flüchten. Ich brachte sie durch Gewalt, Güte und List an einen Ort, wo sie sicher vor jeder Entdekkung waren, bis zum heutigen Tage. Sie entwarfen mit mir Pläne für die Zukunft und wie man die Verschwornen fassen müsse — das alles ist jezt ausgeführt und nun Venetianer, wollt ihr mich noch verdammen?“

Dich verdammen?“ riefen Doge, Senatoren und Nobili, und jeder ris ihn an sich, und drükte ihn nassen Auges an sein Herz.

„O!“ rief Andreas Gritti, indem er seine Augen trocknete: „ich gebe meine herzogliche Müzze dahin, wenn ich ein Bandit werden konnte, wie du! — Grosser Bandit, du hast mich überwunden, du bist größer, als ich! Nimm hin meine Rosamunde, nimm hin; etwas bessers hab ich nicht, sie gilt mir theuerer, als ein Kaiserthum — nimm sie hin!“

„Abaellino!“ jauchzte Rosamunde, und küßte den schönen Banditen mit Glut.

„Rosamunde!“ rief Abaellino und vergas in dieser Umarmung die ganze Welt.

Siebentes Kapitel.
Nachschrift.

Freilich wär es so unrecht nicht, wenn man sich jezt zwischen den Graf Obizzo der schönen Rosamunde und dem alten Doge hinsezzen, und Obizzo’s Erzählung von seiner Herkunft und seinen ehmahligen Abentheuern, die ihn nach Venedig trieben, mit anhören könnte — allein hier sind vorläufig nur zwei Fragen zu beantworten, die alles entscheiden. Erstlich: hört man mir gern zu, wenn ich Märchen erzähle? — Zweitens: Hab ich auch Zeit genug übrig Märchen zu erzählen? —

Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer anderen Schriftart markiert.

Die kräftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):