Vinzenz, bei Gott, es ist kein Knabenspiel, wozu Ihr Euch jezt verpflichtet, es verlanget Männer von ungewöhnlicher Art. Könnt’ Ihr allen Bequemlichkeiten des Lebens entsagen, könnt’ Ihr Verwandten- Bruder- Schwester- und Weiberliebe vernichten in Eurer Brust, könnt’ Ihr der Gefahr ins drohende Antliz lachen, und den Tod mit kaltem Blute erwarten: so seid Ihr erst halb der Unsrige!“

„Seht, die Richter liessen sich, so wie heutiges Tages, auch ehmals durch den Schimmer des Goldes verblenden; die Pfaffen führten Inquisizionen ein, Reinigkeit des Glaubens zu erhalten, und sie selber waren, troz ihrer Reingläubigkeit, unreinen Herzens, Volkstäuscher, kanonisirte Bösewichter; die Fürsten gaben Gesetze und übertraten sie zuerst, sie raubten den Menschen der Menschheit erstes und einziges angebornes Glük, raubten die Geistesfreiheit, damit die dummköpfigen Vasallen und Sklaven ihrer tyrannischen Kniffe nicht inne würden; die Weiber kokettirten und lenkten Volk und Fürsten an einem Zaum, Landstreicher und Avanturiers erschlichen entweder Privilegien für ihre Quaksalbereien, oder sie machten in den untersten Volksklassen den Geist des Fanatismus rege, oder sie pasquillirten auf die gesunde Vernunft und guten Sitten, oder sie prellten reiche Hohlköpfe mit Taschenspielerwundern, Goldmachereien, geheimen Ordensvorspielungen und andern Schmarozzerkünsten. — Kurz alles war es einst, wie jezt, und darum traten schon früh Männer von Einsicht und Muth zusammen; enthusiasmirt für Recht, und Wahrheit und Bruderglük, dem geheimen und öffentlichen, von keiner Obrigkeit gerügten Unwesen zu steuern. Zeloten nannte man sie in Christus Zeitalter, und späterhin in den mittlern Jahrhunderten die Männer des heimlichen Gerichts.“ —

„Meint Ihr, Vinzenz, die Zeiten des heimlichen Gerichts wären vorüber? nein, Vinzenz, die Zeiten nicht und auch nicht das Gericht. Sehet diese Siebenzige sind Mitglieder desselben aus einem Herzogthume; gehet hinaus in die weite Welt und Ihr werdet sie finden an den äussersten Spizzen Europas. Alle die Ihr um Euch stehn seht, sind Männer von der erprobtesten Verschwiegenheit, dem rechtschaffensten Karakter, der tiefsten Verschlagenheit, zerstreut in allen Gegenden unsers Vaterlands wohnhaft, aus allen Ständen des Volks gehoben. Bediente, Aerzte, Prediger, Advokaten, Schriftsteller, Buchhändler, Räthe, Generale, Offiziere, Landwirthe sind hier Brüder, ohne Unterschied des Ranges.“

„Unsre Religion ist: thue Gutes und mache glükseelig, wo möglich, stets im Verborgnen; opfre Dich im grossen Fall der Noth für die Glükseeligkeit des Ganzen hin; liebe Gott über alles, Deinen Nächsten mehr als Dich selbst! Islamismus, Kalvinismus, Lutherthum, Katholizismus, Herrnhuterei — sind eins und dasselbe, sind nur Farben für den sinnlichen Menschen!“ —

„Und habt Ihr Euch einst müde gerungen für Eurer Brüder Wohl, sodann dürfet Ihr gerechte Ansprüche auf Ruhe und eignes Glük machen, welches Euch gewährt wird, wie und wo Ihr es verlanget. Ein weiser findet sich nicht in hohen Ehrenämtern belohnt, darum rechnen wir diese nicht zu den Arten einer Dankbarkeit von uns; wir selber befördern uns zu den wichtigsten Posten um wichtige Unternehmungen vollführen zu können.“

„Noch einmal, Vinzenz, bedenket wohl, daß Ihr Euch zu keinem Knabenspiel verpflichtet. — Reue ist nachmals zu spät und umsonst, und wird Euch mit dem Tode vergolten. — — Gehet, ich bitte Euch, gehet zurük!“

„Nimmermehr!“ entgegnete Florentin.

Alle. (rufend) Gehet, gehet zurük.

Florentin. (unerschüttert) Ihr grossen Männer, behaltet mich.

Anselmo. Spätre Reue ist Euer Tod!