Es wurde Abend; die Karossen rollten herbei; der Graf kam; Agathchen ermangelte nicht anwesend zu sein. Der Präsident sprach hin und wieder; Florentin horchte, verstand es nicht und lächelte. Agathchen warf eben so oft in süßer, jungfräulicher Schaam den Fächer vor die Augen und Florentin verstand mehr; und scherzte wie in einem Scherze. Der alte Minister nannte den Grafen zuweilen Söhnchen; Florentinen ging ein Licht auf und er — rieb sich die Stirn.
Viertes Kapitel.
Einige Damen werden behorcht.
Ich habe einen berühmten Pädagogen gekannt, dessen Schriften über das Erziehungswesen mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurden, dessen eigne Kinder aber Taugenichtse waren.
Einer unsrer größten Schriftsteller über die Oekonomie und Landwirthschaft wußte selber so wenig wirthlich zu leben, daß er bankerotirte.
Es ist also ein sehr alltäglicher Fall, daß große Leute in ihrem Hause selber öfters die kleinsten sind, und daß sie von ihrer häußlichen Unordnung auf das abstrahiren, war besser sein könnte. Eben so ging’s auch dem in vieler Hinsicht sehr einsichtsvollen Staatsmann, Geheimerathspräsidenten v. Hello. Er, der oft mit so vieler Schlauheit fremden Höfen das wahre Interesse seines Fürsten zu verbergen wußte, beging den großen Fehler seinen Freunden zu verrathen, daß der Graf v. Duur Absichten auf das liebenswürdige Fräulein Agathe geäussert habe, wenigstens zu äussern schiene, und daß Fräulein Agathe so wenig, als Sr. Excellenz, diesen Absichten entgegen zu arbeiten, geneigt wären.
Am folgenden Tage war die Residenz von dieser Novelle voll.
„Der schöne Graf die Agathe v. Hello?“ hiess es in bürgerlichen und adlichen Gesellschaften; — der „Graf die Agathe v. Hello? Die beiden Extreme der Natur, Schönheit und Häßlichkeit verknüpfen sich mit einander?“ dachten die verheuratheteten und unverheuratheten jungen Damen bei sich in der Stille, und sagten es zum Theil auch wohl laut. „Er opfert seine Delikatesse der Politik auf!“ gaben einige weltkluge Herrn sehr weislich an. „Vielleicht schließt der Graf diese Heurath aus Liebe zum Kontrast!“ wizzelten einige Wizjäger.
Das Fräulein v. Gülden erfuhr diese Nachricht, ging in ihr Kabinet und — weinte.
„Ich habe geliebt, sagte sie vor sich, ich habe geliebt, und werde nie wieder lieben! o, was ein Mädchen unglüklich ist, welches seine Liebe nie verrathen darf! Er hat mich kaum bemerkt, seit er am Hofe ist; und wie konnt er das, er der von allen Vergötterte? hat mich kaum bemerkt, und ich habe ihn so sehr geliebt! — Ja, ich habe ihn geliebt, liebe ihn noch; und wäre Agathe v. Hello zehnfach reicher denn Auguste v. Gülden, und wäre Agathe v. Hello die Tochter einen Kaisers, sie könnte ihn nicht heftiger, als ich, lieben. — Aller Weiber Blikke buhlten um den seinen, nur der meinige nie, und, ach, ihre Coquetterie trägt den Sieg davon! — Vielleicht wär ich glüklich gewesen, hätt ich ihn mehr aufgesucht, und alle die Reize aufgespannt, welche Agathe aus ihren Romanen kennen gelernt haben mag. — Ein schmachtender, oder ein wollustbietender und wollustverlangender Blik wirkt mehr auf Männerherzen, als das schaamvolle zu Boden gesenkte Auge. — Unseelige Erfahrung, die mich zu spät weise macht!“ — —
„Doch nein, ich bin zufrieden in meinem Unglük; ich verachte den Sieg, wozu die Sünde Waffen bietet. (sie zieht ein Miniaturgemälde aus dem Busen, sieht es mit nassen Augen an und drükt einen Kus darauf.) Gustaf, seeliger Gustaf, sei Du; bleib Du mein Geliebter! — wie sehr diese Züge den Zügen des Grafen gleichen! — Eben diese Harmonie ist die Quelle meines Leidens. Zürne nicht, lieber schöner Gustaf; Duur konnte dich nicht aus meinem Herzen verdrängen, aber wohl hätte ich dich allein nur in ihm geliebt. — Du bist mein, und dieses Bildniß soll mich ewig begleiten. — Lieg’ ich einst im Sterbebette, seh ich die Träume dieses Lebens gemach verschwinden, fühl ich mein Auge brechen, dann will ich das Heiligthum noch einmal betrachten, und es mit sterbenden Lippen küssen!“ —