Vier Wochen hütete sie schon ihr Krankenlager, abwechselnd mit dem Fieber ringend, und noch hatte sie Florentin nicht ein einziges Mahl besucht. Dies schmerzte ihrem weichen Herzen mehr, als der Abschied von einer Welt, welche doch auch für sie manchen Reiz gehabt hatte. Sie sah kalten Blikkes die ehmahls blühenden Wangen verbleichen, ihre Schönheit verschwinden, ihre Augen erlöschen, und murrte, klagte nicht. Freudenlos sah sie andre um sich her glüklich; ungeliebt, fand sie andre sich liebend; am Rande des schauervollen Grabes schwankend, erblikte sie die Welt noch einmahl in ihrer ganzen Pracht, und so viele Freunde, so viele Freundinnen in ihr, die da heimblieben — und sie blieb ruhig.

Sie sah nicht gern Gesellschafter um sich; am meisten aber waren die Prinzessin Louise und ihr alter, tiefgebeugter Vater, der Herr von Gülden, an ihrem Lager. Am liebsten beschäftigte sie sich aber ausser den Fieberschauern, mit des schönen, geliebten Gustafs halbverwischtem Portrait, oder mit Lavaters Aussichten in die Ewigkeit, welche sie sich vorlesen lies. Aufmerksam hörte sie dann jedes Wort an, und beruhigt und erheitert schwang sich ihr schöner Geist im Gebet vor dem Thron des Allerheiligsten empor.

Wie süs ist doch der Lohn des Weisen oder des Dichters, der einem Scheidenden von diesem Erdeleben die herbe Trennung versüßt, und dem ein Sterbender noch Dank lallet! —

Sie fühlte das Herannahen der lezten Stunde, der Stunde, in welcher ihre unsterbliche Seele einer Welt entsagen sollte, deren sie nur auf einige Augenblikke genossen zu haben schien, eine neue Gegend des Unermeslichen begrüssen sollte, wo ihr vielleicht kein Freund entgegenwandelte, wo nur Gott ihr Bekannter war. Sie verlangte deswegen den Genus des Nachtmahls, und trauernd wurde ihr die Bitte gewährt. Der Herzog, die Prinzessin Louise, der alte Herr von Gülden und einige Freundinnen waren Zuschauer dieser feierlichen Szene. Sie umringten das Bett ihrer gemeinschaftlichen Freundin, und weihten diese heilige Handlung mit ihren Thränen ein.

Der Geistliche bot der Scheidenden alle Trostgründe dar, welche die Religion verleiht; er beflügelte ihre Hoffnungen auf des künftigen Lebens bessre Szenen; lies sie noch einmal einen Heimblik auf die vergangnen Tage richten, und reichte ihr dann das Brod und den Kelch.

Ein Auftritt am Sterbebett ist die schönste Schule für Lebende; darum laßt uns noch einige Augenblikke hier verweilen.

„Warum weinen Sie, Prinzessin?“ sagte Auguste, die sterbende Auguste, und lächelte ihre jammernde Freundin an.

„Sollt’ ich nicht, liebe, beste Auguste?“ schluchzte Louise, und faßte die matte Hand derselben, und drükte sie: „du wirst sterben, o Auguste, du wirst sterben, dich trennen von mir, und Gott, der nur allein die unbekannten Gegenden jenseits des Grabes kennt, Gott nur weiß, ob wir beide einstens uns wiedersehn werden! — — Du warst meine Schwester, meine Gespielin, mein alles; ich sollte nicht weinen, wenn ich das verliere, was mich glüklich gemacht hat? Ich habe dich nicht so glüklich gemacht als du mich.“ — —

„O doch!“ sprach die fromme Sterbende zu ihrer ehmaligen Nebenbuhlerin, mit sanfter, tröstender Stimme.

„Nein, nein, Auguste, so ist es nicht. Ach, vergieb, vergieb! Du verlierst an dieser Erdenwelt nicht viel, eine schönere harrt deiner, da findest du vielleicht den Geist deines Gustaf wieder, da vielleicht alle Seeligkeiten wieder, welche du hier zurükliessest. Aber ich — werde dich suchen, und finde deinen Grabstein!“