Schwimmend in geronnenem Blute, einen Dolch in der Brust fand man sie entgeistert in ihrem Bette, als sie von ihren Zofen früh besucht wurde. Auf der Erde lag eine Pergamentrolle, darauf stand mit großen, lesbaren Zügen geschrieben:

„Sie trat das Recht öffentlicher Richter mit Füssen, drum ward sie von uns gerichtet. — Auf ihr ruhte das Verderben des Staats; auf ihr der unschuldige Tod manches Biedern, auf ihr das Elend der Verwiesnen und Verarmten — sie ward am Ende dem allgemeinen Wohl gefährlicher noch, darum ward sie hingerichtet vom

Gericht der Unbekannten.“

Niemand war entnervter bei dieser Szene, als der schwache Piedro, niemand ob dieses Zettels bestürzter, als der Prinz Moriz, und niemand verzweiflungsvoller, als — Duur. Mit Grausen standen sie alle da um Rosaffens Bett, anstarrend die Ueberreste einer so gewaltsam zernichteten Schönheit. Sie, deren Lächeln noch vor zwölf Stunden den ganzen Hof entzükken, deren finstre Stirn einen Fürsten zittern, ein Herzogthum schaudern machen konnte, — sie war jezt ein machtloses, zerstörtes, unnüzzes Prachtstük.

Königlich waren die Anstalten zu ihrem Begräbnis; drei Tage stand ihr Leichnam hindurch in einem kostbaren Sarge zur Schau — aber niemand, auch kaum ein neugieriges altes Weib, schlich sich herbei die Ermordete zu sehn. Meister der harmonischen Tonkunst führten am Tage ihrer Beerdigung öffentliche Trauermusiken auf, aber — kein Auge näßte sich. Kanellas Dichter besangen die Hingesunkene, und keiner las die schwarzberänderten Blätter.

Elendes Loos der im Leben vergötterten Bosheit! — der Seufzer eines Edeln über dem Grabe des Guten ist unendlich köstlicher, als die kunstgebildete Thräne eines Marmorbildes über des Sünders Gruft, welche die Flüche der Unglüklichen umrauschen!

Moriz, dessen Gedächtnis die ehmahlige Korrespondenz der Unbekannten mit ihm, und die fatale Begebenheit mit den maskirten Kerln, welche ihn auf der Straße so unsanft zugesprochen[8)], noch nicht verloren gegangen war, befand sich jezt in keiner angenehmen Lage.

Freilich waren es bis zum entscheidenden Abend des ersten Septembers nur etwa noch acht Tage hin, — aber wie viel Querstriche konnten ihm nicht in dieser Zeit noch von den verwünschten Unbekannten durch seine Pläne gezogen werden? — Jezt fing er sich an vor Florentinen zu fürchten, denn um seinetwillen hatten die Unbekannten ihn ehmals an Herzog Adolfs Hof so übel mitgenommen, und seit Florentin in Kanella etwas merkwürdiger geworden, hub sich auch sogleich das alte Unwesen wieder an.

Morizens Gewissen pochte; es war sich keiner schönen Thaten bewußt, welche sonst die beste Arzenei in kritischen Augenblikken wider das Herzklopfen sind; überdies hatte Florentin die sämmtlichen Papiere von Sr. Hoheit in den Händen, worin das ganze Gewebe der schlummernden Verschwörung und des drohenden Aufruhrs gar deutlich angegeben stand, — und wie leicht konnte der Graf auf einen bösen Einfall gerathen! — Der einzige Trost für ihn waren die glüklich ablaufenden Werbungen, indem jezt schon nicht mehr, als funfzehn tausend Mann auf den Beinen standen, die theils in der Residenz, theils in der Nachbarschaft quartirt waren. Zur größten Sicherheit verstärkte er die Wachen um seinen Pallast.

Aber man denke sich sein Entsezzen, als Flimmer an Rosaffas Begräbnistage mit der Botschaft zu ihm hereintrat, daß er aus sicherm Munde erfahren habe, Sr. Eminenz der Kardinal Benedetto wisse nicht nur umständlich von Morizens Anschlägen, von der Bestimmung der angeworbnen Mannschaften, von der am Septemberabend bevorstehenden Landesrebellion, sondern habe auch schon, im Fall der Aufruhr nach Wunsch ablaufe, eine Bulle von Sr. päbstlichen Heiligkeit in Bereitschaft, vermöge welcher er sich zum Vormund des Piedro und Interimsregenten des Staats aufzuwerfen die Vollmacht habe.