„„Wie ist es möglich!““
„Diese Männer wußten allein am Hofe um die große Verschwörung; sie wußten um alles durch mich. Sie selber mußten die Hände anlegen die Schlinge wieder aufzuknüpfen, welche sie despotisch um den Hals der Kanelleser geworfen hatten; sie selber mußten Waffen und Geldsummen liefern, damit wir den großen Plan mit Nachdruk ausführen könnten. Ohne ihre Hülfe würden wir nichts vermogt haben, darum verzettelt’ ich sie selber in das Komplot, und hielt ich sie fest darin durch falsche Vorspieglungen. Jezt aber ist es Zeit sie wieder von uns auszustoßen; sie gruben der Nazion eine Grube, darum stürz’ ich sie selber hinein. Ihre wichtigsten Papiere, und selbst Benedetto’s päbstliche Bulle, welche ihn zum Vormund Piedros und Kanellas Regenten erkohr, sind in meinen Händen, und morgen lieset sie der Herzog! — Morgen sind Moriz und Benedetto Staatsgefangne! —“
Ein frohes, verworrnes Gemurmel erhob sich; die Männer drängten sich näher um den Edeln.
„„Seit ich am Hofe öfter und geliebter erschien, werdet Ihr, Brüder, bemerkt haben, daß die Kanelleser zehnfach unglüklicher geworden, als sie es vorher waren. Ihr schienet vor mir zu zittern, und mich geheim als den Urheber dieser allgemeinen Noth anzuklagen. Ja, und ich wars. Ich wars, der die empörendsten Ungerechtigkeiten wider Kanella übte; ich wars, der die unseligen Werbungen im Lande veranstaltete; ich wars, der die ältesten Rechte der Städte mit Füssen trat — wars, der die elenden, bejammernswürdigen Bürger oder Sklaven von Kanella bis zur Verzweiflung trieb, in welcher sie sich izt befinden. Allein so weit mußt’ es im ganzen Lande gedeihen, verzweifeln mußten die Kanelleser, um fähig zu sein ihr Joch abzuschütteln, denn Gefühl für Größe und Freiheit schlief unter ihnen. Jezt ist eine allgemeine Revolte nothwendig; sie ist nicht mehr zu verhindern. Ihr indessen wacht jezt mit verdoppelter Scharfsichtigkeit über alles, was geschehn könnte; hütet das Arsenal, die Magazine; und was sonst von importanten Pläzzen, Gebäuden und Wachthäusern in der Gewalt der schwarzen Brüder ist, wohl; erhaltet Ordnung, und harret mit Kälte und Geistesgegenwart dem ersten Septemberabend entgegen! — Lebt wohl!““
Der Graf sprachs und wünschte ihnen eine gute Nacht — „Gute Nacht!“ riefen die Männer, und wer da konnte, drükte dem großen Fiorentino dankbar die Hand.
Achtes Kapitel.
Fortsezzung des Vorigen.
Gewis war Duur mit Dulli noch nicht eingetroffen im Dosanischen Wirthshause zum goldnen Dorn, als seine Weissagung zu Kanella schon in Erfüllung gegangen. —
Es bedürfte eben keiner Thron- und Lebensgefahren um einen Schwächling, als Piedro, aus aller Fassung hinauszustürzen. Ein mislungenes wollüstiges Projekt, eine verdorbne Frisur, die Ohnmacht einer Dame, der Tod eines Schooshundes war allein schon stark genug ihn aus dem Sattel seines Gleichmuths zu heben. Und nun denke man sich die Lage dieses kleinherzigen Prinzen beim Empfang der Florentinischen Briefe; denke sich sein Entsetzen, Schaudern, Verzweifeln während des Lesens.
Er sank, wie vom Schlage gerührt, kraftlos auf das Sofa nieder; Todesblässe floß über sein Angesicht, Todesschweis drang in kalten Tropfen aus allen Poren hervor; die Hände zitterten wie in einer betäubenden, halben Lähmung, die Knie schlotterten heftig.
So lag er da, ein Gegenstand des Mitleidens, der Erbarmung, lag er da, als hätte ein Donnerschlag seinen Insektenmuth gänzlich vernichtet, und alle Kraft aus Nerven und Gebeinen verzehrt. Nach Viertelstunden erwachte er wieder wie von einem Todesschlaf — Traum wars nicht gewesen, die gräflichen Briefe widerlegten ihn, so gern er sich vom Gegentheil überredet hatte. — Er weinte.