Mit verdoppeltem Eifer bemühte sich Florentin, nebst den Großen von Kanella, den errungenen Freiheitskranz nun unentreisbar zu befestigen. Moriz sowohl als Benedetto, welche sich in der ersten Septembernacht der allgemeinen Verwirrung zu Nuzzen gemacht und die Flucht ergriffen hatten, arbeiteten freilich an verschiednen mächtigen Höfen, Piedro’n wieder auf den monarchischen Thron zu erhöhn, und die alte Staatsverfassung zu restauriren; suchten freilich die Kanelleser unter einander zu entzwein, und Contrerevoluzionen anzuspinnen, allein gleich einer unsichtbaren Gottheit widerstand ihnen der schwarzen Brüder heiliger Bund.

Vergebens fachten sie den Argwohn der ausländischen Potentaten an, daß die Freiheitssucht, durch der Kanellesen glükliches Beispiel vergrößert, um sich greifen und auch sie enthronen dürfte; vergebens streuten sie durch elende besoldete Broschürenschmierer den Saamen der Zwietracht unter den befreiten Bürgern aus — die schwarzen Brüder, selber verschiedene Staaten-Ruder regierend, löschten den aufglimmenden Funken des Argwohns im Busen der Fürsten aus, und zertraten allgewaltig den versäeten Saamen der Zwietracht, daß er nicht reifen konnte.

Aber es verflossen Jahre, ehe der Sturm ausgebrauset, die Gährungen sich aufgelöset, und die Bewohner Kanellas ein neues Staatssystem aufgeführt hatten. Doch die schwarzen Freunde des menschlichen Wohles wollten, und Kanella blieb frei! —

Und schon sank, die glänzende, hochgeschwungene Palme in seinen Händen, den Frieden herab über ein neugebornes Volk; schon erndteten die Kämpfer ihres Sieges Lohn ein; schon fühlten sich alt und jung, Hohe und Niedre selig auf Erden — da empfand Florentin, nun erst entlassen von den öffentlichen Geschäften der Republik, mächtiger, als jemahls den süssen Hang, heimzukehren ins geliebte Vaterland, auszuruhn im Arme der entfernten Blutsverwandten von seinen Thaten.

Zwar hatte Kanellas Dankbarkeit eine große lebenslange Pension ihm und seinen etwannigen Nachkommen ausgesezt; zwar hatte man ihm einen beinahe fürstlichen Hofstaat eingewilligt, ihm den geschmackvollsten Pallast in der Residenz geschenkt — aber die Sorbenburg, das ländliche Schloß seines Onkels lokte ihn mehr, als jede Herrlichkeit Kanellas. Ueberdies besaß er schon seit einiger Zeit mehrere Briefe vom Herzog Adolf, in welchen sein Exil gänzlich aufgehoben, förmliche Versöhnung angeboten war — wie konnte Duur, der weiche, zartfühlende Duur widerstreben?

Wir, meine Leer, begleiten ihn schon durch so viele Szenen, aber immer erkannten wir in ihm einen und eben denselben. Jezt war er nicht mehr Jüngling — er war Mann in voller Blüthe, oder vielmehr Reife des Lebens. Ausgebildet, groß, majestätisch an Körper und Geist stand er jezt da; aber sein Karakter war noch immer der stolze, schwankende, schwärmerische, welchen er den Kinderjahren abgeerbt hatte — Jezt sehnte er sich nach Ruhe. — Ruhe nach so mühvollen Jahren, auch zu ihr wollen wir ihn geleiten.

Vielleicht daß er sich nicht sobald entschlossen hätte den Kanellesischen Pallast mit dem vaterländischen Landgute zu vertauschen, wenn ihn nicht ein unerwartetes Schreiben — (nicht Holders, oder des Onkels oder Aellmars, denn diese schwiegen, als wären sie ausgestorben) nein, ein Schreiben Louisens, der herzoglichen Schwester, von Kanella hinweggetrieben hätte.

Drittes Kapitel.
Dulli und Ladda.

„Ists möglich — ewiger, barmherziger Gott, ists möglich!“ schrie der Graf, indem er Louisens Brief fallen lies und die Hände verzweiflungsvoll über sein Haupt zusammenschlug.

Dulli, der in einem Winkel des Zimmers gestanden und einen mitleidenden Zuschauer von der Szene abgegeben hatte, da Florentin den Brief las, und von Minute zu Minute die Farbe des Gesichts änderte, trat jezt hervor und wollte trösten.