Die Truppen marschirten bald darauf vorbei.

„Es lebe Piedro! — es lebe Piedro, die Lust seines Volkes!“ schrien die Soldaten, wenn sie nahe am Schlosse waren, und wischten zu gleicher Zeit die Thränen vom Auge, und der Landesvater lächelte huldreich auf sie herab.

Drittes Kapitel.
Gewitterwolken, die sich zerstreun.

Seit diesen Auftritten herrschten in Kanella tiefe Stille und Ruhe; es kam nirgends zu öffentlichen Händeln. Aber diese allgemeine Stille glich der vor einem Gewitter; sie ist schreklich. Die Volksfeste wurden nicht mehr so lebhaft, als sonst gefeiert; in den Tabagien und Gasthöfen lärmte nicht mehr der frohe Muthwille; die schönsten Spaziergänge wurden seltner besucht. Gram und Mismuth war auf jedem Gesichte zu lesen; Armuth wohnte unter den meisten Dächern, Unthätigkeit, Ekel der Arbeit in den meisten Werkstuben.

Nichts ist für einen Staat unglükweissagender, als solche Phänomene! Armuth gebiert Muthlosigkeit, Misvergnügen, Widerwillen gegen alle Arbeiten beim gemeinen Mann, weil er noch nur das wenigste von dem durch seinen Fleis Gewonnenen für sich behält, sondern den größten Theil seines Erwerbs den Pächtern, Monopolisten, Zöllnern, Steuern- und Acciseeinnehmern für den Fürsten u. s. f. entrichten muß. Träger Müssiggang ist der Vater gefährlicher Projekte und Träume, wo man sich denn durch irgend ein Wagstük in die ehmaligen Glüksumstände wieder hinauf zu schwingen hofft.

Der habsüchtige Benedetto, der schwelgerische Piedro argwöhnten von diesem Erfolg ihrer Unternehmungen zur Verbesserung der Finanzen nicht das geringste. Nothdurft, — so machiavellisirten sie — ist das Triebrad im Staate, welches Industrie, Künste und Handwerke befördert. Reichthum der Landeseinwohner macht sie frech, luxuriös, träge. Der Unterthan ist ein Esel, der nur mit Zwang seine Pflichten erfüllt.

Ob Piedro und sein Universalminister richtig argumentirten, wird uns der Erfolg mit Thatsachen belegen können. — Nur so viel war jezt schon gewiß, daß das Gebiet von Kanella um diese Zeiten ungleich mehr verarmte Familien, Bankeroteurs, Bettler, Beitelschneider, Straßenräuber, und andres unnüzzes Gesindel aufzuzeigen hatte, als irgend sonst.

Mehr gährte es in den Köpfen des so oft beleidigten, oft ungerecht herabgewürdigten Senats und Adels. Der erstere hatte kein anderes Gesezbuch, als die Laune des Kardinals, des Prinzen Moriz und der Gräfin Rosaffa, lezterer keine Anwartschaft durch Verdienste sich emporzuschwingen; Mittel waren nur etwa die Schürze einer fürstlichen Beischläferin, oder eine Börse gepreßt voller Goldstükken.

Borsellinos Schiksal machte neue Sensazion; dieser unglükliche Greis starb an seinen Wunden. Vor seinem Ende schrieb er noch an den jungen Giovanni, seinen Sohn, der sich damahls in Rom befand, einen beweglichen Brief, worin er ihn bat nach Kanella zurükzukommen, um den Prozeß auszuführen, welchen sein Mörder wider ihn anhängig gemacht hatte. — Giovanni, dem der ganze Karakter seines Vaters angeerbt war, kam — und fand Borsellinos Leichnam im Sarge.

„Oh!“ rief er, und warf sich über den entseelten Vater, hin: „ich bin zu spät gekommen! — Gott, mein Gott, daß ich ihn verlieren könnte, das wußt ich wohl — aber so ihn zu verlieren, das vergebe ich dem Mörder nie, wenns auch der Himmel könnte! — Erschlagen, meuchelmörderischerweise erschlagen mein Vater — nein, das hat er nicht verdient um Kanellas Wohl!“ —