Lieber Graf!

„Ich bin izt von einer kurzen Reise heimgekommen, setze mich sogleich hin und schreibe dir, weil ich wünsche, daß dich dieser Brief noch in Munchenwall antreffen mögte. — Du gehst also nach Kanella? Glük zu, Bruder! ich denke du wirst dort in deinem Elemente leben, denke, daß die Zerstreuungen daselbst dich von den melancholischen Anfällen des etwannigen Heimwehs heilen werden.“

„Die Rolle, welche du zum Spiel übernommen, ist gefahrvoller, als die gefährlichste bisher gespielte. Siehe, dich vor; bewache dein Leben, wenn du noch lüstern bist, mit mir nach einigen Jahrhunderten wiederum einmahl diese Erdenwelt zu bewandern — und nirgends steht dein Leben mehr dem Tode nahe, als zu Kanella. — Hüte dich!“ —

„Gott, wenn wir alle hier in Sorbenburg dich einst, als den Befreier Kanellas umarmen sollten! — kannst du dir mit der üppigsten Fantasie eine wollustvollere Szene vorträumen? — Geh, junger Mann, sei gros! mußt du gleich einen wichtigen Theil deiner schönsten Lebensfreuden einbüßen, mußt du gleich fern von einer angebeteten Fürstin, fern von dem guten Rikchen, fern von dem braven Onkel und deinem Holder wohnen, o so wird doch die Nachwelt, werden auch die Zeitgenossen dich seegnen, der du lieber selber ein Leidender warst, um die Leiden eines Volkes zu enden! —“

„Aellmar schrieb mir, daß du mein Bildnis zu besizzen wünschtest — ich schikke dirs, und noch ein andres, welches dir gewis tausendmahl angenehmer sein muß — Louisens Bild. Ich habe sie gesehn; Florentin, nein, du bist kein Sünder, daß du sie liebtest und liebst! Sie ist zurükgekehrt an den herzoglichen Hof und wieder, wie einst, die Seele, desselben geworden. Aber, wie mich dünkt, ists nicht mehr das feurige lachende Mädchen, — eine sanfte Schwermuth wohnt in ihrer Seele, strahlt aus ihren Blikken, aus ihren liebezeugenden Mienen hervor. Weißt du’s schon — doch wie solltest du nicht? — daß sie — daß sie von einem Knaben entbunden worden, dessen Vater du Ueberglüklicher bist? — Ich habe das Kind gesehn — Florentin, ich glaube dich in einen jungen Abkömmling der Menschheit verwandelt zu erblikken. Es ist dir ganz ähnlich, und blüht in voller Gesundheit. — Wenn du einst heimkehrst über Jahr und Tag, o Bruder, und der Knabe (Karl heißt er) dir entgegenspringt, und dein Onkel, und ich mit meinem Weibchen dich auf immer in unsre Mitte aufnehmen — wenn wir dann wieder da liegen auf dem bekannten Hügel, wo wir sonst den Sonnenaufgang und Untergang betrachteten, oder wir im Garten, wo du unter dem Fliederbaum so gern träumtest, umherwandeln, — — nein, Florentin, ich breche ab, — die Freude über deine noch so entfernte einstige Wiederkunft macht mich schwärmen. Leb wohl! — wir alle sind gesund hier, und glüklich, so sehr wir es ohne dich sein können. Noch einmahl, mein Bruder, leb wohl. Die Zeitungen und Journale werden mir wahrscheinlich bald von dir mehr sagen, als deine Briefe. — Nun, es lenke der Arm des Schiksals alles wohl, gedenke oft deines

Holder

Wie wär’ es möglich gewesen, daß Florentin diesen Brief hätte lesen können, ohne von den traurigsten und schmeichelhaftesten Empfindungen gequählt und entzükt zu werden? Mit heisser liebender Inbrunst drükte er wechselsweis Louisens und Holders Bildnisse an seine Lippen, er dachte sich nun alle Szenen zurük, welche ihm in der Gesellschaft dieser schönen Seelen verflossen waren, dachte hinaus in die Zukunft, wo er sie vielleicht nicht wieder genießen würde, und übermannt von Lust und Wehmuth entquollen seinen Augen ein paar sprechende Thränen.

Am folgenden Tage verließ der Graf mit seinen Getreuen das interessante Munchenwall. Ohne Verzug strich man quer durchs deutsche Land, und gesund langte man auf die äussersten Gränzen desselben an.

Badner hielt seinen Gaul an, schob sich den runden Hut von der Stirn, und nahm mit seinen Blikken rührenden Abschied von den geliebten vaterländischen Gegenden. Die Sonne sank unter; die Landschaft war romantisch schön. Dies bewog auch den Grafen still zu halten, abzusteigen, einen Felsen hinanzuklettern und da unter einer Fichte sich hinzulagern, in deren Wipfel feierlich der Abendwind säuselte. Badner that desgleichen, kroch zu seinem Herrn hinauf und legte sich neben ihm nieder. Gotthold blieb allein unten.

„Ade, ade! deutsches Mutterland; habs nicht geglaubt, daß ich noch hinaus wandern würde im Alter über deine Gränzen, — aber das Schiksal hat oft wunderliche Launen!“ rief Florentins Reisegesell, und murmelte noch einige Worte vor sich nieder.