„Und du, allgegenwärtiges Wesen, du siehst jezt das Gewebe meiner Gedanken und Empfindungen, stehe du mir bei, und denen die dich anrufen? Gott, du siehst ja deiner Kinder Thränen, hörst ihr flehendes Wimmern — erbarme dich ihrer. Verstoße sie nicht aus dem Gebiet der Freude, laß sie nicht ewig schmachten in Verzweiflung. O, Gott, mein Gott — es ist für die schwache Menschheit ein fürchterlicher Gang, — verlaß uns nicht!“
So dachte, so betete Duur in stiller, mitternächtlicher Stunde. Seine Seele fühlte sich beruhigt; sein Auge glänzte von einer Thräne. Er spürte heilige Glut durch seine Adern fliegen; ihm wars, als riefe sein Schuzgeist ihm leise ins Ohr: „auf, es wird der guten Sache wohlgelingen!“ —
In solcher Stimmung sezte er sich nieder, um den Plan der Staatsumwälzung zu entwerfen.
Drittes Kapitel.
Florentins Verwandlung.
„Wie gesagt, ich begreife ihn nicht!“ antwortete vierzehn Tage später der Sekretair Flimmer dem Prinzen Moriz.
„„Ei nun,““ erwiederte dieser: „„er wird doch endlich zur Vernunft kommen. So, wie jezt, ist der Kerl auf dem sichersten Wege sein Glük zu poussiren.““
Doch ehe ich die beiden Herrn weiter plaudern lasse, muß ich meinen Lesern sagen, daß Florentin von Duur der Gegenstand ihrer Unterhaltung war. Dieser durch so manche Erfahrung gewizte, durch so manche Fatalität stolzer und kühner gemachte, Hofmann hatte in einem Zeitraum von wenigen Tagen, (nur wenigen wars bekannt, durch welchen Talisman,) sich dermaaßen im Kredit der Piedronen, Benedetten und Morizze emporzuschwingen gewußt, daß man aus wichtigen Gründen für seine Tugend und ehmalige Rechtschaffenheit hätte zittern können. —
Alle Thüren standen ihm offen; kein Kammerdiener, keine Leibwache hielt ihn von den Kabinetern der Großen zurük; unangemeldet trat er zum Herzoge und dessen Favoriten ins Zimmer, in deren Gesellschaft er sich von nun an täglich befand.
Einige riethen hier hin, andere dorthin, um Florentins plözliches Steigen beim Hofe zu erklären; die meisten deuteten alles auf Rosaffen hin, welche den schönen Grafen vielleicht genauer ins Auge gefaßt, und ihn liebenswürdig gefunden haben konnte. Die Leute hatten in so fern nicht unrichtig gedeutelt, aber die eigentliche Schnellfeder des Duurischen Hofglüks war ihnen doch unbekannt geblieben.
Was Rosaffen betrift: so hatte sie in der That Florentinen izt erst schöner gefunden, als ers ihr bis dahin geschienen. Alle übrige Damen des Hofes bemerkten in diesen Tagen am Grafen ein Gleiches. Er war bei weitem nicht mehr der sonstige, schüchterne, zurükhaltende, misantropische Sauertopf, sondern gefälliger, kekker, tändelnder, unterhaltender, als irgend ein unter dem Panier der Venus graugewordner Ritter — Wo er hintrat, erschien neben ihm die muthwilligste Freude, wo er einen Zirkel verlies, schlich die gähnende Langeweile mit allen ihren Foltern ein.