Florentin. (im Ausbruch der Freude die dürre Kardinalshand küssend) Benedetto!

Kardinal. (gnädig lächelnd) Fiorentino!

Florentin. (auf die Knie niederstürzend vor ihm) Gebt mir — gebt mir Rosaffen!

Kardinal. (hebt den Grafen liebreich auf) Ihr seid ausser Euch!

Fünftes Kapitel.
Sturm und Liebesfreuden.

Inzwischen die Kabale und Intrigue heimlich den Hof in Partheien zertrennte, und Wollust und Zeremoniel ihn öffentlich zu einem harmonischen Ganzen machte; inzwischen Piedro mit seinem Mädchen und Hofbuben lustig schwelgte und nichts minder als eine baldige Störung seiner Feste ahndete; indessen Rosaffa um Florentins Wiederliebe buhlte; Benedetto mit dem Vatikan wegen seiner Regentschaft briefwechselte, Moriz sich kriegerisch rüstete, die heimlich unterstüzte Rebellion zu seinem Vortheil zu lenken, und beide der Prinz und Kardinal Florentin zu ihrem vertrautesten Vertrauten machten — unterdessen Bälle, Assembleen, Karnevals, Geburtsfeste beständig am Hofe abwechselten und alles in einer frohen nichtsbesorgenden Stimmung erhielten, wüthete Verzweiflung und Hungersnoth im Volke; zogen sich die Elenden immer genauer an einander; stimmte alles immer inniger zu einem totalen Aufruhr zusammen; fachten die schwarzen Brüder, im ganzen Lande verstreut, das glimmende Gefühl für die geraubte Freiheit immer mehr an, und bestimmte man zulezt einmüthig den Abend des ersten Septembers zum Termin der bisherigen Sklaverei und der zu erringenden Volksfreiheit. Die Verschwörung der Kanelleser beschäftigte mehr das Herz, als die Lippen; so verschwiegen war noch keine Konspirazion, und so geheim noch keine Vorbereitung zu derselben gehalten worden. Alles trug um so mehr den Anschein eines glüklichen Erfolgs, da selbst Moriz und Benedetto von allem wußten, selbst den ersten Septemberabend kannten und dennoch, statt zu verhindern, Unterstüzzung leisteten.

Piedro! Piedro! hättest du Augen gehabt zu sehn, du würdest nicht länger, hinter Weibern und Flaschen verschanzt, sardanapalisirt haben! denn der August begann sich allmählig seinem Ende entgegen zu neigen und das ehmals trauernde Volk lies nun eine zu rasche Veränderung spüren. Geduldig ließen die Richter ihre Rechte verhunzen von Hofschranzen, denn sie sahen den ersten Septemberabend schon im Geiste grauen, der ihnen alles zurükgeben sollte; Städte ließen sich ohne Murren um ihre lezten Freiheiten plündern, denn sie hofften in etlichen Wochen sie mit Wucher zurük zu gewinnen; verarmte Familien aßen ihr schimmlichtes Brod, ohne es noch mit Thränen des Kummers zu nezzen, die Hofnung strahlte auch ihnen trostvoll entgegen, welche sie glauben machte, bald ein besseres Schiksal zu empfangen.

Viele von den Großen Kanella’s und der Parthei des Herzogs wurden dieser Phänomene frühzeitig genug inne. Ihre Spione brachten ihnen aus allen Gegenden der Republik Nachrichten, eine furchtbarer, als die andre; sie fingen sogar an argwöhnischer auf den so fahrläßig scheinenden Kardinal zu werden, und ehe man es erwartete, zogen drei tausend Mann ausländischer Soldaten, von einem benachbarten kleinen Fürsten gemiethet, in Kanellas Gebiet. Hier handelte Piedro einmahl ohne Mitwillen seiner Beherrscher, das heißt des Prinzen und des Kardinals, sondern nach dem Einfall einiger andern ihm getreuen Räthe. Aber dieser Schritt wurde ihm sehr natürlich von den beiden Universalministern gewaltig verübelt, und gemisdeutet. „Der Schaz ist größtentheils erschöpft,“ hieß es und lies man im Volke aussprengen: „demungeachtet beruft er fremde Soldaten ins Land, welche den Einwohner noch mehr aussaugen müssen; Er marchandirt mit seinen Landeskindern, verkauft seine Regimenter, um sich fremde Truppen wieder zu miethen! o des fürstlichen Dummkopfs!“ —

Piedros Ansehn litte dadurch ungemein, wozu Moriz und Benedetto das meiste unter der Hand beitrugen. Der Muthwille des Pöbels ging so weit, daß sich eines Tages tausende vor dem Herzoglichen Pallast versammelten und unter fürchterlichen Drohungen dem Piedro geboten, die Miethssoldaten aus dem Lande zu schaffen. Allein ein Detaschement derselben zerstreute das aufgebrachte Volk, und dieses lies sich willig auseinander treiben, denn noch war der erste Septemberabend nicht erschienen!

Niemand aber von allen rang und arbeitete mehr, als Florentin von Duur, niemand bedürfte mehrerer Erquikkung und Anfrischung, und niemanden wurde weniger von derselben zu Theil. Die einzige Erhohlung, welche er sich gewährte, war die, daß er sich oft Abends hinausschlich aus dem Gewühle des Hofes und der Stadt, hinaus in einen an die Stadt gränzenden Park, welcher dem Herzoge zugehörte, aber wegen der seltnen Besuche ganz verwildert war. Hier lagerte sich dann der ermüdete Held entweder in dunkle Nischen dichtverflochtenen Gebüsches, oder an eine kleine Quelle, oder er begab sich in ein niedliches Landhaus, welches in der Tiefe eines Thales lag und von einem Paar alter Eheleute bewohnt wurde. Seine Thaten mit froher Seele überschauend, hinausblikkend in die belohnende Zukunft, wars ihm hier nur allein wohl, und genos er nur hier die lieblichsten Stunden seiner Tage in Kanella.