„Ermüden? Idalla, Du uns ermüden?“ sprach Holder in einem zärtlichstrafenden Ton.

„Nein, nein, es war mein Scherz!“ erwiederte sie und sah ihm ins Auge, als fürchtete sie, er zürne. Sie rückte ihm näher, ergriff seine Hand, und lehnte sich an ihn.

„Hier will ich erzählen,“ sagte sie: „hier will ich erzählen. Aber aufmerksam müßt Ihr seyn!“

Sie warens alle. Holder fühlte sich nie glücklicher, als in diesen Augenblicken, wo Idalla, die fromme, unschuldige Idalla, in seinem Arm wohnend, plauderte. Florentin saß dem glücklichen Paar gegenüber, in seinem Arme den kleinen Karl, seiner Louise Sohn. Zu seinen Füßen lag der treue Pudel, und um die Reihe voll zu machen, hatte sich der ehrsame Kater eingefunden, der gesellschaftlich Platz nahm und mit verschlossenen Augen schnurrte.

Viertes Kapitel.
Die Erzählung.

„Ihr wißt doch, wie es jezt Krieg und Kriegesgeschrei ist im ganzen deutschen Lande?“ hub die süßstimmigte Idalla an: „Nun, und da sich das traurige Unwesen anspann, sagte mein Vater — doch Ihr werdet nicht wissen, wer mein Vater gewesen? Er war der reichste Mann im ganzen Dorfe Eldern, und war ein sanfter, lieber, seelenguter Mann. — Das Dorf Eldern haben die Nordmänner abgebrannt, dort ist alles Wüstenei — ach und glaubt es, mein Vater würde bettelarm geworden seyn, hätte er nicht zur glücklichsten Stunde die Flucht ergriffen.“

„Kinder, sagte er zu uns — denn ich hatte noch zwei Brüder — Kinder, die Deutschen sind schlaffe, entnervte, mark- und saftlose Geschöpfe — die Nordmänner kommen mit eisernen Gliedern und schlagen die Deutschen, und ehe wirs erwarten, dringen sie bis zu uns vor. Ja, vor alten Zeiten, vor vielen hundert Jahren — da wars anders! Da lebte ein gewisser König — nun, wie heißt er denn, der Vater wußte ihn zu nennen — und dieser soll die Deutschen zu Helden gemacht haben — soll — o, was soll er nicht alles gethan haben! — Drum, Kinder, fuhr der Vater fort, laßt uns von hinnen ziehn, gebt acht, die Deutschen werden unterliegen!“

„Der Vater hatte Recht. Wir flüchteten. Ich war damals noch ein Kind. Wie, das weiß ich nicht, kamen wir endlich auf diese Insel her, und sicher lebten wir vor jedem Ueberfall. Aber“ —

„Aber mein armer Vater wurde endlich so schwach, so matt, daß ich ihn führen mußte. O, hättet Ihr ihn nur gesehn, Ihr hättet ihn wahrlich lieb gewonnen. — Einen solchen ehrlichen sanften Blick und die zarten Falten, die von den Winkelspitzen seiner Augen ausliefen und bei jedem Lächeln sichtbarer wurden, einen solchen Mund, der noch nie Ursach gehabt hatte, begangne Sünden zu bekennen — ach, solchen Mann habt Ihr gewiß noch nicht gesehn. — Es war ein heisser Mittag. — Vater, fragt’ ich ihn, willst du nicht draussen ruhn in dem kühlen Schatten des hohen Eichbaums? — Ich will, gab er zur Antwort, und hurtig führt ich ihn hieher, sezte mich neben ihn nieder und hielt sein Haupt in meinem Schoos — Idalla, sagte er, Gott lohne Dirs, im bessern Leben sehn wir uns wieder. — Da sehn wir uns wieder! entgegnete ich, und schluchzte.“

„Der Vater schlief. Ich ward still wie eine Maus, hörte auf zu weinen, athmete nur kaum, um den holden Greis nicht zu erwecken.“