Idalla eine andre Calypso wuste durch den Zauber ihrer Unschuld und Schönheit mächtiger zu fesseln, als weiland ihre Vorgängerin den Sohn des schlauen Odysseus.

„Ist es möglich!“ — rufen die Leserinnen: „also darum schliefen sie ein halbes Jahrtausend auf harter Streu, um im drei und zwanzigsten Jahrhundert bei einem hübschen Mädchen zu tändeln, ohne sich um die neue Welt zu bekümmern. Das glaube, wer da will. Hätten sie am Ende des achtzehnten Jahrhunderts nur die schlechteste deutsche Provinzialzeitung mitgehalten: so würden sie den Augenblick nach Paris gewandert seyn, um zu sehn, wohin die Franzosen mit ihrer Revolution gekommen wären. Wenigstens hätten sie eine alte Chronik, oder dergleichen nachschlagen können, um zu erfahren, wie weit es dem alliirten Europa gelang, die Neufranken von ihrem Revolutionsräuschchen nüchtern zu machen. Es ist nicht möglich!“

Nun, warum nicht. Holder, Florentin, Karlchen, Idalla, der Pudel und der schwarze Kater lebten in einer so beneidenswürdigen Harmonie beisammen, daß unsre Abentheurer nicht selten in den verzeihlichen Wahn versanken, das wundersame Getränk in der Alpenhöhle habe sie in die elysischen Gefilde gesandt, statt in das drei und zwanzigste Seculum.

Zwar war das Leben auf dieser Zauberinsel so einfach, jeder Tag in seinen Begebenheiten dem andern so ähnlich, daß, so wie sich Tag und Nacht, sich auch die täglichen Begebenheiten der Inselbewohner wiederholten. Aber dies Einerlei war nie ermüdend, denn es war nie das Einerlei der Empfindungen.

Goß die Morgensonne ihre Purpurstrahlen über die Hütte, Eichen, Gebüsche, Blumen, und Halme der Insel aus: so enthüpfte frohlockend jeder seinem Gemache. Zärtlich war die Umarmung, als wäre eine Trennung durch die Nacht, die Trennung durch ein Jahr gewesen. Karlchen umklammerte jeden; jedem bellte der Pudel seinen „guten Morgen“ zu: der ernsthafte Kater wandelte gnurrend vom Schoos des einen zum Schoos des andern und wedelte mit dem Schwanze und schmeichelte.

Nun ging Florentin, die Flinte über die Schulter geworfen, auf die Jagd; der Pudel begleitete ihn. — Holder verbesserte den Bau der Hütte, drechselte nützliche Maschinen zusammen, sah zuweilen nach — — — Idalla, welche im Garten entweder, oder am Heerde in Gesellschaft ihres Katers geschäftig war, oder das Hühnervolk fütterte, oder ihre Ziegen und Schafe auf grasreiche Plätze trieb.

Unter solcher Arkadischen Lebensart schmolzen Minuten, Stunden und Tage hinweg.

Am Abend lagerte sich, nach vollendetem Tagewerk, die glückliche Familie unter den großen Nußbaum neben der einsiedlerischen Hütte, dann mußten wohl Holder, oder Florentin ihre Schicksale erzählen und die gute Idalla glaubte ihnen alles gern, nur der fünfhundertjährige Schlaf machte sie ungläubig.

„Aber Du, schöne Idalla,“ fragte dann Holder und Florentin: „wie bist Du so unglücklich oder glücklich gewesen, Dich in diese Einsamkeit verschlagen zu sehn? Du hast uns noch nie davon erzählt.“ —

„Noch nie?“ entgegnete sie: „o, das sollt Ihr leicht erfahren. — Ich erzähle gern. Aber es wird Euch ermüden.“