„Es rückte der Abend heran. Meine Brüder erschienen mit ihm, sahen mich und den Vater und lachten, lachten ob meiner Einfalt, denn der Vater schlief den Schlaf des Todes. — O, meine Brüder, wie sie so grausam waren! Sie lachten ein lautes, schallendes Gelächter — indeß ich mich weinend über den Leichnam meines lieben Vaters hinbog. — Der Mond ging auf, aber sehr blaß, als hätte er auch geweint. — So viel Sterne am Himmel blinkten, so viel Thränen weint’ ich in dieser Nacht, und meine unbarmherzigen Brüder gruben eine tiefe Gruft. — Und der Morgen erwachte, aber mein Vater, nicht, da weinte ich noch mehr. Und die Brüder rissen mir den alten Mann, ach, denkt doch, rissen ihn mir aus dem Schoos — und stürzten ihn hinunter in die Gruft. — Ich lag auf den Knien vor den harten Männern, und bat für den armen lieben Vater, aber sie verstießen mich. — Ich wollte mich hineinwerfen zum Vater in die Gruft, doch man zerrte mich bei den Haaren zurück. — O weh, wie hatt’ ich so grausame Brüder!“
„Gutes Kind!“ rief Holder bewegt, und drückte die unschuldige Erzählerin an sich.
„Aber“ fuhr Idalla fort: „aber ich härmte mich endlich nicht mehr so sehr. Ich wurde wieder munter und sprang umher. — Da kamen meine Brüder zu mir und sagten: es wird uns das Leben hier unerträglich. Folg’ uns in die weite Welt hinein, oder wir gehn allein. — Geht allein! sagt’ ich, denn unser Vater prieß sich glücklich hier zu wohnen — ich bleibe hier.“
„Sie verließen mich. — Ich habe sie nicht wieder gesehn. Draußen ist Krieg und Kriegsgeschrei, Gott steh ihnen bei! — und ich — ach ich war zufrieden in meiner Einsamkeit, die wilden Brüder thaten mir nicht mehr weh. — Ich fing mir meine Fische, fütterte meine Ziegen, plauderte mit meinem Pudel, badete mich in schönen Stunden, und in einer derselben — nun das wißt ihr ja!“
„Ich sah Euch, und glaubte, Ihr wäret meine Brüder. Ich war bestürzt und froh. — Ihr sahet meine Hütte, zeigtet auf sie. Ha, dacht ich, sie haben gewiß nichts sich zu bedecken, gieb ihnen die Kleider deiner Brüder. Und nun führt ich Euch hieher, und gab Euch die Kleider, und das war meine Geschichte. Mehr weiß ich nicht. — Seid Ihrs zufrieden?“
Holder küßte ihre Stirne.
Solche Scenen hatte Florentin, hatte Holder noch nie gekannt; wären ihnen izt Königskronen für die Insel der schönen Idalla geboten; sie hättest keinen Tausch gewagt. — Auch weiter hinaus in die Welt wagte sich keiner von ihnen; wie ein Paar Schiffbrüchige, die so eben den schäumenden Wirbeln des Oceans entwischt sind, angespült daliegen auf einer freundlichen Uferklippe, und sich dankbar und froh fest anschmiegen an diese, und nicht weiter forschen und fragen, ob dahinter blühnde Fluren wohnen: so Florentin und Holder.
Zufrieden mit dem Leben, zufrieden nur noch dazusein, sehnten sie sich nach keinem Futter für ihre Neugier.
Holder war gar nicht mehr der ernste, düstre Mann, sondern das wahre Muster einer feinen Jovialität. Die fünf Jahrhunderte hatten keine Spur ihrer Gewesenheit auf seinem Antlitz hinterlassen; mit frischer, bräunlicher Wange, hellem, brennenden Auge, hoher, lachender Stirn, webte er in voller, männlicher Schöne, und keine Krankheit, keine Leidenschaft blies die Schminke der Gesundheit von seiner Wange ab. Bei alle dem hatte er jenen interessanten, merkwürdigen Zug der Mienen verloren, welcher Männer- und Weiberherzen magnetisch an sich zog, welchen Rikchen einst verführerisch fand, und dessen Gewalt auch — Idalla eingestand, ohne sich dessen bewußt zu seyn.