Idalla schlich hinter dem Garten im Mondenschein umher und dachte und nannte — Ludwig Holdern. Und Holder schlich an der Hütte diesseits des Gartens, und dachte — an wen? — an Rikchen und Idalla.

„Nein, Florentin, nein!“ rief er: „ich verlasse diese Insel und diese Idalla nicht! — Und hinge der Weltlauf dieses Jahrhunderts in einem Spiegel vor mir, ich höbe meine Augen nicht zum Spiegel auf. Ruhe der Seelen ist ein Kleinod, welches mit keiner Monarchie bezahlt, mit aller Stubenweisheit nicht erphilosophirt werden kann. Ich habe dies Kleinod gefunden und vertausch es nicht für die Befriedigung meiner Neugier.“

„Zwar mißfällt mir dies idealische Schäferleben nicht,“ entgegnete dann gewöhnlich Florentin: „Aber, Holder, dies Jahrhundert zu betrachten, und seinen Kontrast mit dem unsern — dies wär’ eine Seligkeit mehr. Ich gehöre nun einmal schon zu den Alltagsmenschen, die das Leben bloß aus Neugier lieben.“

Holder. Ach, glaube mir, es werden die Menschen dieses Zeitalters um nichts besser, um nichts glücklicher seyn, als ihre Brüder in der Vorwelt. Die Weltordnung wird keine Revolutionen erleben; das Wesen bleibt, wenn gleich das Kleid veraltet; die Dinge verlieren nichts, sondern wechseln nur Farb’ und Namen. Ist dies Jahrhundert reich an Philosophen: so ists gewiß auch reich an gediegnen Narren; erblickst du starkes Licht, so fehlt gewiß auch der grelle Schatten nicht.

Florentin. So hätten wir unsern Schlaf ersparen können.

Holder. Nein, er war nothwendig zu unsrer Ruhe. Siehe, izt schwimmt die Vergangenheit nur in nebelhaften Gestalten vor mir, wie ein halbvergeßner Traum. Alle meine Wunden sind geheilt; ich fühle in mir nichts, als Anlagen, glücklich zu werden. Weg nun mit der Welt, weg mit ihrer Herrlichkeit, ihren Lorbeerkronen; sie lockt mich nicht mehr, denn ich kenne sie.

Florentin. (mit Verwunderung.) Holder, bist du es wirklich?

Holder. Ich habe gelebt; habe gerungen, gearbeitet, gelacht und geblutet und der ganze Schatz welchen ich mir endlich eroberte, ist nur ein kleines, goldnes Sprüchlein: Glücklich zu seyn ist unser großer Beruf: suche dein Heil nicht auf den Schlachtfeldern als Held, denn die Lorbeern, welche du dort pflückest, wurden begossen mit Thränen und Blut, und höchstens die feile Fama der Zeitungen, höchstens ein gewässertes Band — ist dein Lohn. Suche dein Glück nicht neben den Thronen; dort gedeiht die zarte Pflanze des ächten Glücks nicht; zwar lockt der Sonnenstrahl der Fürstengunst das Pflänzchen schnell hervor aus dem Boden, aber es verwelkt auch eben so leicht an diesem heißen Strahl; Suche deinen Himmel nicht in dem buhlerischen Blick der Weiber; deine Nerven werden stumpfer und dein Himmel wird trübe. Berechne deine Seligkeit nicht nach der Summe deiner Goldstücken; wer den Schlüssel zum Thor der Freuden hat, versteht darum noch nicht das Zauberschloß zu öffnen, sondern friert oft zeitlebens an der Schwelle von außen. — Losgekettet von der sogenannten großen Welt, wo der Zufall über das Verdienst, die Narrheit über die Vernunft, der Geldbeutel über die Tugend, die Mode über die Wahrheit siegt, eben so fern vom Mangel, als vom Ueberfluß, in unverdorbner Gesundheit des Leibes und der Seele leben, nicht von tausenden bewundert, aber von einem freundlichen Herzen recht heiß geliebet werden, — Bruder, dies ist Erdenseligkeit!

Florentin. Ich widerspreche dir nicht.

Holder. Topp, folge mir! Glaube mir, daß alle Erfahrungen, welche wir über dieses Zeitalter einsammeln werden, mehr unsre glückliche Laune tödten, als nähren werden. Ich mag von der Iztwelt grade nicht mehr und nicht weniger wissen, als mir das Ohngefähr davon zu Ohren bringt. — Wenn mich ja einmal der Dämon Neugier zu sehr foltert, ei nun, so wird sich ja wohl ein historisches Compendium auftreiben lassen, worin die Genealogien, Rathen und Thaten der Könige, Kaiser, Fürsten, Republiken, Helden, Narren, Scribler und Queerköpfe erzählt sind. Damit will ich mich gern begnügen. —