„Ist eins ohne das andre möglich?“
„Gewiß; nur ehrlich Nach- und Vortheile gegen einander abgewogen! — Wozu wurden die Kirchenfeste angeordnet? Wir wollen den Stiftern den edelsten Zweck beimessen, wollen nicht daran denken, daß der hierarchische Sinn der ersten Anordner vielen Antheil daran hatte, sondern glauben: daß man sie einsezte, um durch die Feier der wichtigsten Begebenheiten des ersten Christenthums einen Enthusiasmus für die Religion selbst zu befördern.“
„Ich bin mit dem Zweck zufrieden.“
„Wurd’ er erreicht? — Selten war darunter ein Fest der Freude — es waren mehrentheils Buß- und Bettage, welche den durch tausend Widerwärtigkeiten niedergebeugten Geist nicht im Stande waren aufzurichten und zu erquicken für die folgenden Schicksale. Das alte Sündenregister ward unaufhörlich revidirt und in der Nachbarschaft des Himmels der höllische Flammenpfuhl gewiesen. Eine schwermüthige, düstre Schwärmerei war gewöhnlich die ganze Frucht des Festes für den, welcher es mit ganzer Seele, nach der jedesmaligen Anlage der Tagesfeier, begangen hatte.“ —
„Aber wie viele begingen es so?“
„Desto schlimmer; so ward die ganze Absicht der Stiftung verfehlt. Der Reichere, oder sich aufgeklärt Dünkende, erinnerte sich nicht an den Sinn des Festes, sondern machte dieses zu einer Gelegenheit größerer Lustbarkeiten. Man verpraßte den kostbaren Tag in dem Ringe seiner Tisch- und Kellerfreunde, und des Nothleidenden gedachte man grade dann am seltensten. Der Stolz des gemeinen Mannes feierte das Fest wieder auf eine besondre Weise; neue Kleider mußten an diesem Tage figuriren, und ein Wein- oder Brannteweinsrausch Leib und Gemüth erquicken. — Was gewann dabei die Religion, was die Menschheit?“
„Ich kann Dir nicht widersprechen.“
„So lange die Deutschen mehr Kirchen- als Volksfeste hatten, war an keinen Gemeingeist zu denken; nicht einmal an Gemeingeist in einzelnen Städten; ich will nicht von Staaten sprechen. Man ließ die bequemste Gelegenheit ungenüzt entschlüpfen, das schöne Band der Eintracht um die Herzen der Bürger zu schlingen und für Tugend und Vaterland zu begeistern. Nie wurde ein Versuch gemacht, die Menschen einander, als Brüder und Schwestern, näher zu führen; nie wurde ein Versuch gemacht, den schneidenden Unterschied der Stände zu mildern, Stolz und Neid, Egoismus und Kabale, und alle tausend Wurzeln oder Nebenzweige des Partheigeistes, trotz seiner Verderblichkeit für das gemeine Wesen, zu vernichten. Es fehlte daher den Deutschen Deiner Zeit an dem, was allein Nationen, so wie einzelne Familien, liebenswürdig macht, — Geselligkeit, Humanität! Der Vorwurf, welcher ihnen von jeher gemacht ward, gebührte ihnen rechtens; sie waren im Durchschnitt, halbpolizirte, steife, träge Thiere, unter sich selbst nie Freunde, sondern mit hündischem Geiz nur das eigne Intresse bewachend.“
Unter diesem Gespräch hatten sie sich beide angekleidet.
„Vom Inhalt des heutigen Festes magst Du Dich mit Deinen eignen Sinnen belehren!“ sagte Josselin und führte seinen Freund hinaus auf die Straße, wo alles von Fußgängern, Reutern und Wagen wimmelte.